JAGO und das Forschungsschiff POSEIDON vor der norwegischen Küste. Foto: Karen Hissmann, JAGO-Team, GEOMAR.

JAGO-Pilot Jürgen Schauer im Tauchboot. Foto: Karen Hissmann, JAGO-Team, GEOMAR.

Janina Büscher und Dr. Armin Form sichten Proben nach einem JAGO-Tauchgang. Foto: Maike Nicolai, GEOMAR

Der legendäre Quastenflosser. Foto: JAGO-Team, GEOMAR.

Kaltwasserkorallen in einem Riff vor der Küste Norwegens. Foto: Jürgen Schauer, JAGO-Team, GEOMAR.

Probennahme im Kaltwasserkorallen-Riff. Foto: Jürgen Schauer, JAGO-Team, GEOMAR.

Jürgen Schauer im Druckkörper des Tauchboots JAGO. Foto: Foto: JAGO-Team, GEOMAR.

Elektroinstallation im Tauchboot. Foto: JAGO-Team, GEOMAR.

JAGO wird renoviert. Foto: JAGO-Team, GEOMAR.

Karen Hissmann mit Schriftproben für den Namenszug. Foto: JAGO-Team, GEOMAR.

30.09.2014

25 Jahre JAGO

Deutschlands einziges bemanntes Forschungstauchboot feiert Geburtstag

Zwischen Spitzbergen, Neuseeland und Französisch-Polynesien erschließt JAGO Wissenschaftlern seit 25 Jahren immer wieder neue, spannende Forschungsgebiete. Karen Hissmann vom JAGO-Team erinnert sich an die Bauphase und Expeditions-Höhepunkte.

Wie entstand die Idee, ein Tauchboot zu bauen, das 400 Meter tief tauchen kann? Tauchboot GEO war zu dem Zeitpunkt ja erst relativ kurz im Einsatz.

Die GEO, JAGOs Vorgängerin, hatte eine maximale Tauchtiefe von 200 Metern und war 1981 von zwei tschechischen Ingenieuren nach den Vorstellungen des Meeresbiologen Hans Fricke in der Schweiz gebaut worden. Mit GEO entdeckten wir 1987 nach langer Suche erstmals den legendären Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung. Doch die Reichweite von GEO reichte nicht aus, um den Lebensraum des Urfisches, der lange als Urahn der Landwirbeltiere galt, vor den Komoreninseln im Indischen Ozean in Gänze zu erkunden – und genau das war das primäre Forschungsziel unseres kleinen Teams. Also entschlossen wir uns 1988, ein neues, doppelt so tief tauchendes Tauchboot zu bauen.

Beim Bau des neuen Boots war der Germanische Lloyd (GL) als Klassifikationsgesellschaft von Anfang an mit dabei. So stellten wir sicher, dass das zwei Tonnen schwere und für zwei Personen ausgelegte Tauchboot zertifiziert wurde und auf Forschungsschiffen eingesetzt werden konnte. Auch die Unfall- und Transportversicherung gab es nur mit Zertifizierung.

Wer gehörte bei der Planung und beim Bau von JAGO zum Team?

Das Kernteam der Gruppe, die 1988/89 den Bau von JAGO umsetzte, bestand aus nur vier Personen: dem Meeresforscher, Autor und Teamleiter Hans Fricke, dem erfahrenen Tauchbootpiloten und Allround-Techniker Jürgen Schauer, der Diplombiologin Karen Hissmann, Organisationstalent und damals völliger Neuling, was den Umgang mit Tauchbooten betraf, und Allrounder Lutz Kasang, ebenfalls Diplombiologe aber im Grunde seines Herzens ein Technikautodidakt, der seinen Lebensunterhalt überwiegend im Messebau verdiente.

Wie lange dauerte es, bis JAGO fertig gebaut war?
Wie wurde der Bau finanziert?

Insgesamt haben wir zwei bis drei Monate an der Planung gesessen. Der eigentliche Bau dauerte dann noch mal sieben Monate. Da wir damals eine zwar langjährig etablierte, aber nicht fest angestellte kleine Gastgruppe am damaligen Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen waren, gab es für das neue Tauchboot weder ein größeres Baukosten-Budget aus Institutsmitteln noch ein ausreichendes Paket an anderweitig eingeworbenen öffentlichen Mitteln. Einen bis ins Detail ausgearbeiteten Finanzierungsplan hatten wir uns erspart – er hätte uns vielleicht entmutigt und unseren Enthusiasmus gedämpft. Wir stürzten uns einfach mit viel persönlichem Idealismus in die ersten Konstruktionsentwürfe.
Ein befreundeter Ingenieur, der etliche Jahre bei dem Tauchbootbauer Bruker Meerestechnik in Karlsruhe gearbeitet hatte, wandelte unsere Ideen in propere Konstruktionsberechnungen und -zeichnungen um. Der Germanischen Lloyd prüfte sie im Detail, ehe sie dann Stück für Stück umgesetzt wurden.

Ein Flugzeugabsturz im Bodensee, bei dem wir mit GEO Bergungshilfe leisteten, und ein wissenschaftliches Auftragsprojekt spülten Mittel in unsere Kasse. So konnten wir zum Beispiel die Kosten für den Bau des Druckköpers, dem Kernstück eines jeden Tauchboots, finanzieren. Einige Firmen unterstützen das Bauprojekt außerdem durch Material- und Sachspenden, kostenlose Prüfungen und andere Serviceleistungen.
Bis auf den Druckkörper und die Tauchzellen entstanden die meisten An- und Ausbauten an und in JAGO im Eigenbau. Möglich wurde dies durch Jürgens technische Vielseitigkeit – er verließ die Tauchboot-Werkstatt während der Bauphase monatelang nicht – und die reichhaltige Erfahrung, die Jürgen und Hans mit GEO und davor durch jahrelangen Umgang mit verschiedenster Unterwassertechnik gesammelt hatten.

Da JAGO zu einem Großteil in Eigenleistung entstand und wir unsere „Mannstunden“ – eine Bezeichnung, die uns damals völlig unbekannt war – nicht zählten, ist das, was wir tatsächlich an Material- und Fertigungskosten an externe Firmen zahlten, ein Bruchteil von dem, was JAGO gekostet hätte, wenn wir das Tauchboot komplett in Auftrag gegeben hätten.

Was waren die größten Herausforderungen während des Baus und wie wurden sie gelöst?

Die größten Herausforderungen des Bauprojekts waren sicherlich die Knappheit der uns zur Verfügung stehenden Mittel und der Zeitdruck, unter dem wir standen: Hans Fricke hatte bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Antrag auf finanzielle Unterstützung einer weiteren Expedition zu den Quastenflossern im Westlichen Indischen Ozean gestellt. Wir wollten möglichst schnell an den Erfolg der ersten Dokumentation anknüpfen.

Weil wir auf günstige Wetterbedingungen achten mussten, konnten wir diese Forschungsreise nicht beliebig verschieben. Darum bereiteten wir parallel zu den Bauarbeiten auch die Expedition vor, obwohl die Bewilligung der Forschungsmittel noch ausstand. Optimistisch, wie wir alle waren, gingen wir davon aus, dass wir diese bekämen und dass wir das Tauchboot rechtzeitig fertigstellen, testen und zertifizieren würden – und so war es schließlich auch.

Wie sammelt man ausreichend Wissen, um ein einsatzfähiges Tauchboot zu bauen?

Die nötige Erfahrung hatten wir durch den Betrieb des Vorgänger-Tauchboots GEO gewonnen. Jürgen hatte die Technik des Tauchboots im Laufe der acht Betriebsjahre mehrfach überholt und verbessert. Bei JAGO konnten wir aus den Schwächen des Vorgängers lernen und neue Wege gehen.

Für den Bau des neuen Tauchboots hatten wir uns außerdem eingehend mit den Klassifikations- und Bauvorschriften für Unterwasserfahrzeuge des Germanischen Lloyds beschäftigt. Diese liegen in Form einer dicken Broschüre vor – unsere „GL-Bibel“. Da wir den Germanischen Lloyd und die Seeberufsgenossenschaft (SeeBG) von Anfang an in unsere Pläne eingebunden hatten, entstand das neue Tauchboot in sehr engem Austausch mit den dortigen Ingenieuren. JAGO war damals eines der ersten zivilen Kleintauchboote, dessen Bau der GL Hamburg begleitete. Die GL-Ingenieure, die bis dahin zumeist U-Boote der Marine oder große Touristentauchboote zertifiziert hatten, mussten von Groß auf Klein umdenken. Wir lernten voneinander und fanden Lösungen, die vorher im Tauchboot-Bau noch keine Anwendung hatten. Mit den Jahren nannten wir die GL- und SeeBG-Vertreter der ersten Stunde die „JAGO-Patenonkels“. Inzwischen sind diese im Gegensatz zu JAGO im Ruhestand, und wir arbeiten erfolgreich mit der zweiten Generation von GL-Ingenieuren zusammen.

Welches ist für Euch JAGOs offizieller Geburtstag?
Welche weiteren Meilensteine gab es während der Fertigstellung?

Die „Geburtsphase“ von JAGO erstreckte sich über mehrere Monate. Seinen ersten Kontakt mit dem Medium Wasser hatte das nach etlichen Monaten harter Arbeit fertig gestellte Tauchboot im Starnberger See – wenige Kilometer von unserer Werkstatt entfernt. Das war am 17. August 1989. Wir ließen das Tauchboot dort in einem kleinen Seglerhafen von der Pier zu Wasser. Zu sehen war erst mal nichts, weil JAGOs Unterbau zur Hälfte im Schlamm versank und die Propeller extrem weiches Sediment aufwirbelten. Das Hafenbecken war hier nur 3 Meter tief – also gerade ausreichend, um das Tauchboot mit luftgefüllten Tauchzellen und leerem Ballasttank aufschwimmen zu lassen.

Jürgen und Hans tauchten noch auf sechs Meter ab. Zurück an der Oberfläche zerschlugen sie an JAGOs Bergehaken eine kleine Sektflasche – ganz behutsam, damit keine Scherbe die Zuschauer auf den Stegen treffen konnte. Den dritten Test-Tauchgang, diesmal auf 100 Meter Tiefe, absolvierte Jürgen noch am selben Tag mit Franz Antoni, dem Leiter der Feinmechanik-Werkstatt unseres damaligen „Heimatinstitutes“. Franz hatte Jürgen in den vorangegangenen Monaten mit seiner hervorragenden handwerklichen Expertise unermüdlich bei der Anfertigung etlicher mechanischer Bauteile geholfen. Nach diesem Tauchgang vermerkte Jürgen, dass das einzige, was nicht problemlos funktionierte, ein kleiner Ventilator zur Unterstützung der Luftzirkulation im Tauchboot sei. Wir waren alle grenzenlos erleichtert!

Der nächste größere Schritt war dann die Erprobung des Tauchboots in tieferen Gewässern. Auf einem eigens für JAGO angefertigten Bootsanhänger brachten wir das Tauchboot daher noch im selben Monat an den Genfer See. Dort wartete der Schweizer Tiefsee- und Tauchbootpionier Jaques Piccard mit seinem Tauchboot FOREL und einem Begleitboot auf uns. Jaques Piccard war der erste Mensch, der zusammen mit dem US-Amerikaner Don Walsh und dem eigens für dieses Unternehmen gebaute Tiefseetauchboot TRIESTE 1960 im westlichen Pazifik auf den Grund des Challengertiefs im Marianengraben tauchte, der tiefsten Stelle aller Weltmeere. Am 28. August 1989 gaben sich Hans und Jürgen in JAGO und Jacques Piccard in seiner FOREL in 305 Metern Tiefe symbolisch mit den Greifarmen der Tauchboote die Hand.

Was bei uns allen am meisten zu einer innerer Anspannung beitrug, war die finale GL- und SeeBG-Abnahme. Sie fand am 7. September 1989 im bayrischen Seewiesen stattfand endete und mit einer Erprobung des Tauchbootes im Starnberger See. Unsere anschließende Erleichterung lässt sich kaum in Worte fassen. Den Geschmack des mit Mandelplättchen ummantelten Putenschnitzels, das jeder von uns am Abend des letzten Prüfungstages in einem Starnberger Restaurant verzehrte, werden wir nie vergessen. Er war köstlich, und der wohlverdiente Tiefschlaf, in den wir grenzenlos erleichtert und beglückt in jener Nacht fielen, scheinbar unendlich...

Viel Zeit zum Verschnaufen blieb uns allerdings nicht, denn schon wenige Tage später schickten wir das Tauchboot im Seefrachtcontainer mitsamt der Zusatzausrüstung nach Mombasa, dem Ausgangshafen unserer anstehenden Quastenflosser-Expedition. Es kam uns selber fast unwirklich vor, doch wir hatten beides geschafft: Gerade noch rechtzeitig waren uns die Mittel zur Finanzierung dieser Expedition zur Verfügung gestellt worden, und das Kernstück dieser Unternehmung, JAGO, war GL-klassifiziert und einsatzbereit!

Wer hatte die Idee, das Tauchboot JAGO zu nennen, und wie entstand der Name?

JAGOs Vorgängerin, die GEO, hatte ihren Namen in Anlehnung an das renommierte deutsche Reportage-Magazin GEO erhalten, das Hans Fricke 1981 beim Erwerb des 200-Meter-Tauchboots finanziell unterstützt hatte. Für das neue Boot musste ein ebenso einprägsamer und möglichst kurzer Name gefunden werden. Er sollte als Schriftzug in großen Lettern auf die beiden seitlichen Tauchzellen passen und Bezug zu JAGOs Einsatzbereich und unseren Forschungsaktivitäten haben.

Jürgen kam schließlich auf die Idee, das neue Tauchboot JAGO zu nennen, nach einem Grossaugen-Glatthai. Der bis zu 60 Zentimeter lange Hai besitzt wunderschöne türkisfarbenen Augen und lebt im westlichen Indischen Ozean vorwiegend in Bodennähe und in Tiefen zwischen 100 und 1000 Metern. JAGO hatte, wie wir fanden, außerdem einen schönen Klang und passte mit vier Buchstaben hervorragend auf die Tauchzellen.

Was wir damals vor der Namensfindung nicht erforscht hatten war, dass JAGO von vielen auch in Zusammenhang mit einem Theaterstück gebracht wird – nämlich mit dem Intriganten Jago aus William Shakespeares „Othello, der Mohr von Venedig“. Mit den Jahren entwickelte sich der Name des Tauchboots zu einem Markenzeichen – und wir selbst wurden kurz zum „JAGO-Team“. Name und Hai haben für uns auch nach 25 Jahren nicht an Gefallen verloren.

Wie lief der erste wissenschaftliche Tauchgang ab?

Am 2. November 1989 ließen wir JAGO an einem der steilen Lavahänge der Insel Grande Comore erstmals zu Wasser. Jürgen und Hans tauchten gleich auf mehr als 200 Meter ab, doch Quastenflosser bekamen sie erst mal keine zu sehen. Während der ersten Tauchgänge zeigten sich an JAGO ein paar technische „Kinderkrankheiten“, die sich aber vor Ort schnell beheben ließen.

Beim vierten Tauchgang, am 5. November 1989, hatten wir Glück: Gleich drei Quastenflosser hielten sich gemeinsam einer Höhle auf, die in 195 Metern Tiefe weit in den Hang hineinreichte. Während der folgenden Tauchgänge suchten wir gezielt nach submarinen Höhlen. Insgesamt fanden wir in diesem Tiefenbereich und einem relativ kleinen Küstenabschnitt fünf Höhlen, die alle tagsüber mit Quastenflossern besetzt waren, manchmal sogar von mehr als zehn Tieren.

Es war überwältigend, die eng nebeneinander stehenden gewaltig großen Fische zu beobachten! Die langsamen Bewegungen ihrer an kurze Arme und Beine erinnernden Flossen hatten auf uns Betrachter eine fast hypnotische Wirkung. Was uns genauso beeindruckte, war die Friedfertigkeit zwischen den Tieren. Auch schienen die Riesen das Tauchboot im Höhleneingang zu ignorieren. Sie ließen sich von uns aus kürzester Entfernung in aller Ruhe von allen Seiten filmen und fotografieren.

Bei einem der folgenden Erkundungstauchgänge tauchten Jürgen und ich in tiefere Gefilde. Dazu hatte ich mich im Boot so positioniert, dass ich durch das halbkugelförmige obere Fenster, dem Top-Dome einen guten Rundumblick genießen konnte. Ich steckte bis zu den Schultern in diesem Dome und genoss den Blick nach oben, wo gelegentlich Manta-Rochen und riesige Fuchshaie, ja, hin und wieder sogar vereinzelte Mondfische vorbeizogen.

In 360 Metern Tiefe gab es plötzlich einen gewaltigen Knall rund um meinen Kopf. Ich bekam einen riesigen Schreck! Jürgen war ganz ruhig geblieben und meinte in seiner gelassenen Art, dass er darauf schon gewartet hätte. Das Top-Fenster hatte sich ruckartig „gesetzt“. Weil Acrylglas und der Stahlring, auf dem das Fenster aufliegt, unter hohem Druck ein unterschiedliches Komprimierungsverhalten haben, kann es bei den ersten Tauchgängen in größere Tiefen zu einer schlagartige und geräuschvollen Spannungsentlastung kommen. Beim nächsten Knall übte ich mich in Schauer’scher Gelassenheit. Ein unangenehmes Geräusch blieb es trotzdem, bis sich alles nach ein paar Tauchgängen an JAGOs Einsatzgrenze von 400 Metern Tiefe „zurecht geruckelt hatte“.

Welche Einsätze zählen als „Highlights“ – und warum?

Wir sind nach unserer erfolgreichen ersten JAGO-Expedition noch etliche Male mit JAGO zu den Quastenflossern aufgebrochen, nicht nur auf die Komoren-Inseln, sondern auch nach Südafrika und Indonesien, woher die ostafrikanischen Quastenflosser wahrscheinlich ursprünglich stammen. Die Begegnung mit diesen archaischen und immer friedlichen Tieren, ihre Erforschung in ihrem nur mit Spezialausrüstung zu erreichenden Lebensraum gehören auch nach 25 Einsatzjahren und mehr als 1200 JAGO-Tauchgängen zu unseren schönsten und intensivsten Erlebnissen.

In Südafrika leben Quastenflosser in tiefen Unterwasser-Canyons, die im Norden der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal in Küstennähe den Kontinentalschelf durchschneiden. Dort waren wir mit JAGO drei Jahre lang Partner in einem südafrikanisch-deutschen Projekt zur Erforschung der dortigen Quastenflosser-Population. Sie war von mutigen südafrikanischen Mischgastauchern am Rande eines dieser Canyons in 100 Metern Tiefe entdeckt worden. Wir verbrachten zwischen 2002 und 2004 viele Stunden damit, die Canyon-Ränder nach Quastenflossern abzusuchen, immer bei Tageslicht ohne zusätzliches künstliches Licht. Neben den Quastenflossern, die wir auch hier in submarinen Höhlen fanden, war die regelmäßige Begegnung mit riesigen Mondfischen ein unvergessliches Erlebnis. Beim Blick nach oben durch den Einstiegsdom zeichneten sie sich oft nur als riesige Scheibe gegen das Sonnenlicht ab, das durch das klare Wasser bis in 100 Meter Tiefe vordringt. Ihre eigentümliche Fortbewegungsweise wirkt in der Silhouetten-Perspektive besonders seltsam.

Das klarste Wasser, in dem wir bisher mit JAGO getaucht sind, bescherte uns eine Expedition in die Südsee im südwestlichen Pazifik. Dort suchten wir an den steilen Vorriffhängen der französisch-polynesischen Inseln Tahiti und Moorea nach Indizien für die komplizierten Meeresspiegelschwankungen der letzten 20.000 Jahre. In der Wassersäule um 200 Meter Tiefe schwebt dort fast kein Plankton und auch keine Sedimentpartikel, die uns andernorts beim Tauchen mit JAGO das Gefühl geben, vom Medium Wasser umgeben zu sein. Hier hatten wir das Gefühl, mit JAGO vor bizarren Steilwänden in der Luft zu hängen, aber dennoch auf magische Weise nicht abzustürzen.

Sehr beeindruckend waren auch die Tauchgänge, die uns 2001 und 2004 ins Schwarze Meer südwestlich der Krim führten. Das Schwarze Meer ist in zwei nahezu völlig getrennte Wasserkörper geschichtet: dem sauerstoffhaltigen Oberflächenwasser, das wegen der starken Süßwasserzuflüsse aus Donau, Dnepr und Don salzarm ist, und dem salzhaltigeren und deswegen dichteren Tiefenwasser. Die Schichtung ist so stabil, dass quasi kein vertikaler Austausch zwischen diesen beiden Zonen stattfindet. Damit gelangt aber auch kein Sauerstoff in die Tiefe. So ist das Schwarze Meer ab etwa 120 Metern nahezu frei von ungebundenem Sauerstoff, also anoxisch. Am Grund des Meeres überleben also nur Organismen, deren Stoffwechsel nicht auf Sauerstoffatmung basiert – ein lebensfeindliches Milieu also für Pflanzen und Tiere.

Regelrecht wohl fühlen sich hier hingegen Bakterien, die Methan, also Erdgas verzehren, das an vielen Stellen des Schwarzen Meeres aus dem Untergrund blubbert. Methangas bildet sich bei der Zersetzung organischer Stoffe. Um diese Gasquellen haben sich im Schwarzen Meer Mikroorganismen angesiedelt, die von Methan leben und Karbonat als Stoffwechselprodukt absondern.

Im Laufe der Jahrtausende haben sie so zur Bildung von riesigen Riffen beigetragen, die entweder flach im Sediment gewachsen sind, oder aber säulenförmige Strukturen bilden. Wir haben mit JAGO Säulen dokumentiert, die bis zu vier Meter hoch waren!
Der Überflug über eine Ansammlung von mehr als 30 Säulen auf engstem Raum war fast schon unwirklich. Die aus den Säulen kontinuierlich aufsteigenden Gasblasen zogen uns und das Tauchboot in der Wassersäule stetig nach oben. In der Blasenfahne fühlten wir uns wie in einem Sektglas. Diese gewaltigen von Mikroorganismen geschaffenen Riffe und Strukturen haben unsere Sichtweise auf die winzigen Einzeller völlig verändert. Die lebensfeindliche Zone am Grund des Schwarzen Meeres hat für uns damals ein anderes Gesicht bekommen. Trotzdem warteten wir bei fast jedem Tauchgang irgendwie immer noch darauf, dass vielleicht doch mal ein Krebs oder kleiner Fisch zwischen den Säulen auftauchte...

1997 hatten wir zum ersten Mal das Privileg, bei einer Forschungsreise mit der FS POSEIDON einen Lebensraum zu erkunden, den wir seither regelmäßig besucht haben: die Kaltwasserkorallenriffe entlang der norwegischen Küste. Mit JAGOs Vorgängerin GEO und auch mit JAGO waren wir mehrfach in tropischen Riffen unterwegs. Doch nie zuvor in Korallenriffen, die man eigentlich nicht in kalten Regionen und großen Tiefen vermutet.

Kaltwasserkorallen leben in nährstoffreichen kalten Gewässern, ernähren sich von Zooplankton und sind daher nicht wie die tropischen Korallen auf die Symbiose mit Algen angewiesen, die im lichtdurchfluteten Flachwasser Photosynthese betreiben und die Korallen „ernähren“. Lophelia pertusa und Madrepora oculata sind die wissenschaftlichen Namen der fragilen Steinkorallen und Riffbildner, die entlang der europäischen Kontinentalhänge einzigartige Ökosysteme schaffen, in denen sich nordische Fische wie Rotbarsch, Dorsch, Lump und Leng zuhause fühlen. In den fragilen Riffen ist der überaus wendige JAGO genau das richtige Gefährt.

Das größte bisher bekannte Riff, das Røst-Riff, liegt südlich der norwegischen Lofoten-Inseln zwischen 300 und 400 Metern Tiefe auf einer gewaltigen Hangrutschung. Es hat eine Ausdehnung von 40 Kilometern Länge. Das war genau der richtige Ort, um am 16. Juni 2007 den 1000sten Tauchgang mit JAGO zu zelebrieren!

Doch auch die kleineren Riffe wie zum Beispiel das gerade besuchte im norwegischen Trondheimfjord verzaubern durch ihre Schönheit. Regelmäßig haben wir dort auch einen Meeresbewohner angetroffen, der nach unserem Empfinden mit zu den faszinierendsten gehört: die Seekatze oder Chimäre, ein Knorpelfisch, der etliche Merkmale mit Haien und Rochen gleichzeitig teilt.

Kaltwasserkorallenriffe sind Lebensräume, die es vielleicht in ein paar hundert Jahren nicht mehr gibt, weil sich unsere Ozeane im Zuge des Klimawandels verändern. Mit JAGO helfen wir, diese Auswirkungen auf die Riffe zu untersuchen.

Welche Momente sind nach 25 Jahren noch besonders präsent?


Fast jeder Tauchgang findet im Neuland statt, an einem Stück Meeresgrund also, das bis dahin niemand zu Gesicht bekommen hat. Jedes Mal, wenn wir uns dem Meeresgrund nähern, ist dies für uns ein spannender Moment – und gleichzeitig eine persönliche Horizonterweiterung. Unsere Welt hört nicht an der Wasseroberfläche auf!

Was aber sicherlich mit zu den schönsten Erlebnissen rund um die JAGO-Tauchgänge gehört, sind die glücklichen Gesichter, mit denen diejenigen aus dem Tauchboot klettern, die in den Genuss eines Tauchganges mit JAGO kommen. Manchmal sind es Wissenschaftler, die über Jahrzehnte in einem Gebiet an Organismen oder Formationen geforscht haben, die sie dennoch nie persönlich zu Gesicht bekommen haben. Ein anderes Mal sind es junge Doktoranden, die an den mit JAGO gesammelten Proben mehrere Jahre arbeiten werden. Manchmal aber – und das eigentlich zu selten – ist Zeit, auch mal einen „alten Seebären“ mit einem Tauchgang zu beglücken. Die Seeleute auf den Forschungsschiffen sind oft seit vielen Jahre auf dem Meer unterwegs, aber haben dessen Grund nie persönlich gesehen. So sind glückliche Gesichter kleine, von jedem Tauchgang mitgebrachte Geschenke.