Die Westküste der dänischen Insel Fünen. Hier in der Beltsee, die sich direkt an das Kattegat anschließt, sind die Bedingungen in der Ostsee mit denen in der Nordsee noch halbwegs vergleichbar. Hier findet man noch viele Arten, die weiter östlich wegen des dort geringeren Salzgehaltes nicht mehr vorkommen. Foto: M. Lenz

Die Westküste der dänischen Insel Fünen. Hier in der Beltsee, die sich direkt an das Kattegat anschließt, sind die Bedingungen in der Ostsee mit denen in der Nordsee noch halbwegs vergleichbar. Hier findet man noch viele Arten, die weiter östlich wegen des dort geringeren Salzgehaltes nicht mehr vorkommen. Foto: M. Lenz

Die Miesmuschel, hier eine Schalenhälfte gefunden am Strand von Schleimünde, stammt ursprünglich aus der Nordsee. Sie kann sehr weit in die Ostsee vordringen. So finden sich noch Exemplare im Finnischen und Bottnischen Meerbusen. Dort beträgt der Salzgehalt lediglich 0,4 Prozent (Nordsee: 3,5 Prozent). So weit im Inneren der Ostsee erreichen die Muscheln aber bei weitem nicht mehr diese stattliche Größe. Schon vor Rügen nimmt die Dicke der Schalen deutlich ab. Foto: M. Lenz.

Die Miesmuschel, hier eine Schalenhälfte gefunden am Strand von Schleimünde, stammt ursprünglich aus der Nordsee. Sie kann sehr weit in die Ostsee vordringen. So finden sich noch Exemplare im Finnischen und Bottnischen Meerbusen. Dort beträgt der Salzgehalt lediglich 0,4 Prozent (Nordsee: 3,5 Prozent). So weit im Inneren der Ostsee erreichen die Muscheln aber bei weitem nicht mehr diese stattliche Größe. Schon vor Rügen nimmt die Dicke der Schalen deutlich ab. Foto: M. Lenz.

Dr. Mark Lenz (links) erklärt Studenten an Bord des Forschungskutters LITTORINA, welche Lebewesen man am Boden der Kieler Bucht finden kann und was das Ökosystem der Ostsee von anderen Meere unterscheidet. Foto: J. Steffen, GEOMAR

Dr. Mark Lenz (links) erklärt Studenten an Bord des Forschungskutters LITTORINA, welche Lebewesen man am Boden der Kieler Bucht finden kann und was das Ökosystem der Ostsee von anderen Meere unterscheidet. Foto: J. Steffen, GEOMAR

01.01.2012

Die Ökologie der Ostsee

Ein Randmeer mit sehr speziellen Eigenschaften

von Dr. Mark Lenz, GEOMAR

Vor die Wahl gestellt, in die Südsee oder an die Ostsee zu fahren, würden sich die meisten Menschen wohl eher für die Südsee entscheiden. Dabei hat auch unser Heimatmeer einiges zu bieten. Vor Haien müssen Badende in der Kieler Bucht zum Beispiel keine Angst haben. Andererseits sind dafür manche Sommer so verregnet, dass sich ein Strandbesuch auch gar nicht lohnt. Beide Phänomene hängen übrigens zusammen. Sie und viele andere Eigenschaften machen die Ostsee zu einem ganz besonderen Meer.

Das Klima

Einer der Gründe ist unser Klima. Da bei uns mehr Regen fällt als Wasser über dem Land verdunstet, fließt sehr viel Süßwasser in die Ostsee. So viel, dass sie sogar ein leichtes Gefälle von Ost nach West aufweist. Dieser starke Süßwasser-Eintrag bedingt, dass die Ostsee einen geringeren Salzgehalt aufweist als die Nordsee und dieser zudem nicht überall gleich ist. Er nimmt von Südwesten nach Nordosten ab; je weiter man sich vom Kattegat entfernt, desto weniger Salz beinhaltet das Baltische Meer, wie die Ostsee auch heißt. In der Kieler Förde hat sie noch ungefähr die Hälfte dessen, was die Nordsee zu bieten hat, und weiter nördlich, im Finnischen und Bottnischen Meerbusen, finden wir schon fast reine Süßwasserbedingungen. Dieser Umstand und das geologisch geringe Alter der Ostsee sorgen dafür, dass dieses Meer, im Vergleich zu anderen, eine eher geringe Zahl an Tier- und Pflanzenarten aufweist. Viele Meeresbewohner, die an die Salzgehalte der offenen Ozeane angepasst sind, ertragen die geringen Werte in der Ostssee nicht. Das ist auch der Grund, warum wir beispielsweise keine Haie und Tintenfische bei uns finden. Auch viele Seeanemonen und alle Kaltwasserkorallen tun sich schwer mit dem geringen Salzgehalt und fehlen deshalb.

Offen für Neuankömmlinge

Auf andere Arten müssen wir aber vielleicht nur warten. Die Zeitspanne seit dem Entstehen der Ostsee nach der letzten Eiszeit war so kurz, dass viele Organismen sich einfach noch nicht ansiedeln konnten. Der Prozess der Besiedlung dauert immer noch an. Durch den Schiffsverkehr tut der Mensch das seinige dazu, ihn zu beschleunigen. Bekanntestes Beispiel in letzter Zeit war die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, die wahrscheinlich im Ballastwasser von Schiffen zu uns kam und sich so fast gleichzeitig an mehreren Stellen in der Ostsee ausbreiten konnte. Die Ostsee ist also, bedingt durch die geringe Zahl an Arten, auch ein sehr offenes Ökosystem. Es sind sozusagen noch nicht alle Stühle besetzt.
Diejenigen Organismen, die sich schon etablieren konnten, haben es aber auch nicht leicht: Die Ostsee ist für die meisten ihrer Bewohner eine anstrengende Umgebung. Die geringen Salzgehalte stellen einen permanenten Stress dar. Viele Arten werden nicht so groß wie in anderen Meeren und die Schalen der Muscheln sind dünner als bei Artgenossen anderswo. Augenscheinlich wird das beispielsweise durch die Abnahme in der Größe von Miesmuscheln, die man während einer Reise entlang der Ostseeküste beobachten kann. Man muss nur einmal Miesmuscheln in der Kieler Bucht mit solchen der Inseln Poel oder Rügen vergleichen. Der Salzgehaltsunterschied zwischen hier und dort bewirkt schon einen deutlichen Unterschied in der Körpergröße. Viele Arten der Ostsee haben auch weniger Nachkommen als anderswo oder können sich gar nicht fortpflanzen. Ihre Larven müssen immer wieder aufs Neue aus der Nordsee eingetragen werden. Ein Beispiel hierfür ist die unbeliebte aber wunderschöne Feuerqualle Cyanea capillata

Zu viele Nährstoffe, zu wenig Sauerstoff

Der hohe Eintrag an Süßwasser hat aber noch eine weitere Konsequenz: die Ostsee weist eine starke vertikale Schichtung auf. Da süßeres Wasser leichter ist als salziges, legt es sich wie eine Deckelschicht auf dieses drauf. Das salzige Wasser stammt übrigens aus der Nordsee und fließt über den Meeresboden von Skagerrak und Kattegat in die Ostsee ein. Hier fällt es aufgrund seines größeren Gewichts in die tieferen Bereiche der Ostsee und bildet dort große Linsen, die von süßerem Wasser bedeckt sind. Das Problem ist, dass sich diese verschiedenen Schichten nur schwer durchmischen und sich der vorhandene Sauerstoff in den tiefen Bereichen schnell verbraucht. Neuer Sauerstoff kommt erst mit dem nächsten kräftigen Wassereinstrom aus der Nordsee nach und das kann Jahre dauern. Somit ist Sauerstoffmangel in den tiefen Bereichen der Ostsee durchaus natürlich.
Der geringe Austausch von Wasser mit der Nordsee und der hohe Eintrag von Süßwasser führen übrigens auch dazu, dass sich Nährstoffe in der Ostsee anreichern. Da viele Gebiete rund um die Ostsee landwirtschaftlich und auch industriell genutzt werden, ist dieser Eintrag beträchtlich. Die Ostsee ist ein Meer, das anfällig für Überdüngung ist. Eine Tatsache, der alle Anrainerstaaten Rechnung tragen müssen.

Immer Wasser da

Was einem am Ostseestrand noch auffällt ist, dass es keine Gezeiten gibt. Das stimmt jedoch nicht ganz, es gibt sie schon, aber sie sind sehr gering und werden häufig durch windbedingte Wasserstandsschwankungen überlagert.
Keine Gezeiten, keine Haie, keine Kraken, keine Korallen – dafür ist die Ostsee aber Mitglied in einem elitären Kreis ganz besonderer Ökosysteme, zu dem auch das Schwarze und das Kaspische Meer gehören. Unter den Brackwassermeeren ist sie das größte weltweit. Beim nächsten Ausflug an die Ostsee kann man sich das ja einmal vor Augen halten – sie ist schon was Besonderes.


Dr. Mark Lenz (FB3-Benthosökologie) hat Biologie studiert und 2003 in Kiel promoviert. Seit 2004 arbeitet er am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Meeresökologie, wobei er sich speziell mit den Lebensformen am Meeresboden befasst. Seit 2004 koordiniert er außerdem das deutschlandweit einmalige Studien- und Forschungsprogramm GAME. Es bietet einerseits Studenten aus Deutschland und über 20 Partnerländern den Einstieg in internationale Forschungsprojekte, gleichzeitig beschert es der Wissenschaft global vergleichbare Studien zu aktuellen Fragen der Ökologie.