Eine wichtige Stimme der interdisziplinären Meereswissenschaft ist verstummt
Das GEOMAR trauert um Hans-Harald Hinrichsen (1952–2025)
Hans-Harald Hinrichsen wurde am 13. März 1952 in Flensburg geboren. Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann studierte er ab 1977 Physikalische Ozeanographie an der Universität Kiel. Sein Studium schloss er 1985 unter der Betreuung von Prof. Dr. Wolfgang Krauß mit dem Diplom ab.
Im Anschluss begann seine wissenschaftliche Laufbahn am Institut für Meereskunde Kiel (IfM), dem späteren GEOMAR. Früh prägend war seine Mitarbeit im Sonderforschungsbereich „Umweltveränderungen: Der nördliche Nordatlantik“, ergänzt durch einen Forschungsaufenthalt am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die interdisziplinäre Arbeit und zahlreiche Expeditionen legten den Grundstein für seinen wissenschaftlichen Ansatz, physikalische Prozesse konsequent im Zusammenhang mit biologischen und ökologischen Fragestellungen zu betrachten.
Seit 1995 war Hans-Harald Hinrichsen als physikalischer Ozeanograph am IfM, zunächst in der Abteilung für Fischereibiologie, später in der Marinen Evolutionsökologie. Seine Forschungsschwerpunkte lagen zunächst auf den Wassersystemen des Mittelmeeres, später auf Nord- und Ostsee. Er leistete wesentliche Beiträge zu hydrografischen Zeitreihen und zum Verständnis der besonderen ozeanografischen Merkmale und Dynamiken der Ostsee.
International war Hans-Harald Hinrichsen als Experte für Meeresökologie und Fischereibiologie anerkannt. Er war Co-Vorsitzender der ICES-Studiengruppe „Geschlossene Laichgebiete des Ostsee-Dorsches” und in zahlreichen nationalen und internationalen Projekten und Kooperationen beteiligt. Dazu zählten unter anderem die EU-Projekte CORE und STORE sowie das deutsche GLOBEC-Projekt, die sich mit dem Nachwuchs der Fischbestände und ihren ozeanografischen Einflussfaktoren befassten. In weiteren Studien untersuchte er die Wechselwirkungen zwischen physikalischer Umwelt, marinen Ökosystemen und Fischerei sowie die Auswirkungen des Klimawandels und der Klimavariabilität auf Ökosysteme und Biodiversität.
Während seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat Hans-Harald Hinrichsen mehr als 220 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Ein Schwerpunkt lag auf der Modellierung ozeanografischer Prozesse und biophysikalischer Zusammenhänge, insbesondere auf Drift- und Verbreitungsmodellen früher Lebensstadien mariner Organismen. Seine Arbeiten haben wichtige Erkenntnisse zu Laich- und Aufzuchtgebieten vieler kommerziell wichtiger Arten erbracht und trugen maßgeblich dazu bei, die Ausbreitung nicht heimischer Arten zu verstehen. Damit lieferte er wichtige Grundlagen für räumliche Naturschutzkonzepte und Ansätze zum Schutz von Meeresgebieten. In späteren Jahren widmete er sich verstärkt der Modellierung und Vorhersage von Sauerstoffminimumzonen in der Ostsee und den Folgen des Klimawandels auf das dortige Nahrungsnetz. Für seine beeindruckende Publikationstätigkeit wurde er mit dem GEOMAR-Publikationspreis ausgezeichnet.
Auch nach seinem offiziellen Ruhestand im Jahr 2017 blieb Hans-Harald Hinrichsen dem GEOMAR und der Meereswissenschaft eng verbunden. Bis zuletzt wirkte er an Datenanalysen und Modellierungen mit, betreute junge Wissenschaftler:innen und publizierte. Seine letzte Veröffentlichung stammt aus dem Dezember 2025.
Was Hans-Harald Hinrichsens wissenschaftliche Arbeit besonders auszeichnete, war seine außergewöhnliche Aufgeschlossenheit, biologische Fragestellungen in einen physikalisch-ozeanografischen Kontext zu integrieren und sein Wissen in einen gesellschaftlich relevanten, angewandten Kontext zu stellen. Mit seiner interdisziplinären Perspektive leistete er Pionierarbeit und schuf die physikalisch-chemischen Grundlagen zum Verständnis der Ausbreitung und Entwicklung mariner Arten entlang der vielfältigen Lebensräume der Ostsee. Damit hat er das Forschungsfeld nachhaltig geprägt.
Zugleich war Hans-Harald Hinrichsen ein unermüdlicher Mentor für viele Studierende und Forschungskolleg:innen am GEOMAR und weit darüber hinaus. Seine Fähigkeit, verschiedene wissenschaftliche Disziplinen miteinander zu verbinden, innovative Lösungen zu entwickeln sowie seine wissenschaftliche Neugier und Ausdauer machten ihn zu einem inspirierenden Kollegen und geschätzten Gesprächspartner.
Er wird uns als humorvoller und engagierter Kollege in Erinnerung bleiben, der vielen Forschungsteams eine wertvolle soziale Stütze war. Und als unermüdlicher Radfahrer – seine Vorliebe für lange Radtouren von zu Hause zur Arbeit beeindruckte uns alle.
Wir sind sehr traurig über den Verlust eines klugen und neugierigen Wissenschaftlers, eines leidenschaftlichen Forschers, eines geschätzten Kollegen und Freundes. H3 – wir werden dich sehr vermissen!
Unsere Gedanken sind bei seiner Frau, seiner Familie und seinen Freunden.
Text: Catriona Clemmesen, Jan Dierking, Conny Jaspers, Fritz Köster, Andreas Lehmann, Felix Mittermayer, Thorsten Reusch.
Hans-Harald Hinrichsen (1952-2025) war ein angesehener Ozeanograph, der das GEOMAR über viele Jahrzehnte fachlich wie menschlich geprägt hat.
Foto: privat