Europäische Küstenregionen unter Druck
10. Copernicus Ocean State Report betont den Wert von Ozeanbeobachtung
Der heute veröffentlichte zehnte Copernicus Ocean State Report (OSR10) zeigt deutlich: Der Ozean verändert sich tiefgreifend und mit zunehmender Geschwindigkeit. Der Bericht, erstellt von Mercator Ocean International im Rahmen des Copernicus Marine Service der Europäischen Union, bündelt Beiträge von 125 Wissenschaftler:innen aus Europa und weltweit. Er basiert auf Satellitendaten, In-situ-Messungen und Modellierungen und dokumentiert unter anderem eine anhaltende Erwärmung des Ozeans, steigende Meeresspiegel, zunehmende Versauerung sowie die Folgen von Extremereignissen für marine Ökosysteme und Küstengesellschaften.
Europäische Regionalmeere unter wachsendem Druck
Besonders europäische Regionalmeere stehen unter wachsendem Druck. Der Bericht beschreibt für das Jahr 2024 unter anderem marine Hitzewellen im Mittelmeer und im Schwarzen Meer, schwere Sturmereignisse an der Atlantikküste Spaniens sowie außergewöhnliche Wasserstands- und Salzgehaltsveränderungen in europäischen Küstengewässern.
Zugleich zeigt der Bericht, dass sich die hydrologischen Bedingungen im Mittelmeerraum durch den Klimawandel verändern könnten. Geringere Schneemengen, veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Starkregenereignisse können dazu führen, dass Flüsse wie der Po künftig stärker zwischen extrem niedrigen Abflüssen und außergewöhnlichen Hochwasserereignissen schwanken. Das hätte direkte Folgen für Küstendynamik, marine Lebensräume, Fischerei, Aquakultur und Küstenmanagement.
Nördliche Adria: Extreme Abflüsse verändern Salzgehalt und Algenwachstum
GEOMAR-Wissenschaftlerin Dr. Naomi Krauzig ordnet die Entwicklungen in der nördlichen Adria ein: „Die nördliche Adria erlebte 2023 und 2024 eine bemerkenswerte Abfolge von Ereignissen mit sinkendem Salzgehalt. Nach einer Reihe von Extremereignissen mit Starkregen und hohen Fluss-Abflüssen im Herbst 2024, darunter Sturm ,Boris‘, fiel der Salzgehalt an der Oberfläche von etwa 35 auf weniger als 15 Gramm pro Kilogramm. Eine solche Veränderung in Küstengewässern kann weitreichende Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben. Dauerhafte und interoperable Beobachtungssysteme sind daher unerlässlich, um wissenschaftliche Forschung, Frühwarnungen und Klimaanpassung in verwundbaren Küstenregionen zu unterstützen.“
Langfristige Beobachtung stärkt Frühwarnung und Anpassung
Der OSR10 macht deutlich, wie wichtig langfristige und kontinuierliche Ozeanbeobachtung ist. Nur durch verlässliche Messreihen, operationelle Vorhersagesysteme und wissenschaftliche Zusammenarbeit lassen sich kurzfristige Extremereignisse von langfristigen Veränderungen unterscheiden. Diese Informationen sind eine zentrale Grundlage, damit Politik, Behörden, Küstengemeinden und maritime Sektoren Risiken besser einschätzen und sich auf künftige Veränderungen vorbereiten können.
Globale Trends zeigen anhaltenden Wandel des Ozeans
Neben dem Fokus auf die europäischen Meere beleuchtet der Bericht auch globale Entwicklungen: Seit 1960 hat der Wärmeinhalt des Ozeans deutlich zugenommen; der globale mittlere Meeresspiegel stieg zwischen 1999 und 2025 um durchschnittlich 3,8 Millimeter pro Jahr, seit 2012 sogar um 4,2 Millimeter pro Jahr. Zudem ist der Ozean zwischen 1985 und 2025 um rund 17 Prozent saurer geworden. Besonders betroffen sind empfindliche Regionen wie kleine Inselstaaten, Korallenriffe und Polarregionen.
„Zehn Jahre nach dem ersten Bericht bietet der Copernicus Ocean State Report mehr als eine Reihe jährlicher Momentaufnahmen. Er liefert einen wachsenden wissenschaftlichen Datensatz über einen Ozean, der unter zunehmendem Druck steht“, sagt Dr. Karina von Schuckmann, Direktorin des Copernicus Ocean State Report. „Zugleich zeigt er, wie kontinuierliche Beobachtung, Modellierung und Vorhersage sowie wissenschaftliche Zusammenarbeit Gesellschaften dabei helfen können zu verstehen, was sich wo und warum verändert – und künftige Risiken frühzeitig zu erkennen und sich auf deren Folgen vorzubereiten.“
Hintergrund: Copernicus Ocean State Report
Der jährlich erscheinende Copernicus Ocean State Report (OSR) ist der zentrale Bericht des Copernicus Marine Service. Er dokumentiert den Zustand, die Variabilität und die langfristigen Veränderungen des globalen Ozeans und der europäischen Regionalmeere – über die vergangenen Jahrzehnte hinweg bis nahezu in Echtzeit. Dafür kombiniert der OSR Daten aus der Fernerkundung, In-situ-Messungen und Ozean-Reanalysen. Damit bietet der OSR eine umfassende vierdimensionale Analyse (Breite, Länge, Tiefe und Zeit) des blauen Ozeans (physikalische Eigenschaften), des weißen Ozeans (Meereis) und des grünen Ozeans (biogeochemische und biologische Eigenschaften). Er dient als Referenz für Forschung, Politik und weitere Entscheidungsträger:innen.
Hintergrund: Copernicus Marine Service
Der Copernicus-Meeresumweltüberwachungsdienst (Copernicus Marine Service) ist einer der sechs Dienste von Copernicus, dem Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union. Er stellt regelmäßig frei zugängliche Analysen, Daten und Vorhersagen zum Ozean auf globaler und europäischer Ebene bereit. Diese Informationen unterstützen unter anderem Meeresschutz, maritime Sicherheit, nachhaltiges Ressourcenmanagement, Klimamonitoring, Wettervorhersage sowie politische Entscheidungen auf EU- und internationaler Ebene. Zudem trägt der Dienst dazu bei, wissenschaftlich fundierte Informationen zu Meeresthemen für Öffentlichkeit und Fachnutzer:innen zugänglich zu machen.
Hintergrund: Mercator Ocean
Mercator Ocean International mit Hauptsitz in Toulouse (Frankreich) ist eines der weltweit führenden Zentren für Ozeanvorhersage und ein zentraler Pfeiler der digitalen Ozeaninfrastruktur Europas. Die Organisation ist von der Europäischen Kommission mit der Umsetzung des Copernicus Marine Service betraut. Mercator Ocean leitet außerdem die Entwicklung des European Digital Twin Ocean, einer europäischen Leitinitiative, die gemeinsam mit Partner:innen unter Führung der Europäischen Kommission entwickelt wird, um szenariobasierte Entscheidungen zum Ozean zu unterstützen. Im Jahr 2025 machte Mercator Ocean einen wichtigen Schritt hin zur Umwandlung in eine internationale Organisation: Zwölf europäische Länder billigten die internationale Konvention zur Gründung des Mercator International Centre for the Ocean.
Original-Publikation:
Krauzig, Naomi & Coluccelli, Alessandro & Memmola, Francesco & Penna, Pierluigi & Moro, Fabrizio & Zambianchi, Enrico & Falco, Pierpaolo (2025): Insights into exceptional freshening events in the northern Adriatic Sea throughout 2023-2024. DOI: 10.5194/sp-2025-10
Insights into exceptional freshening events in the northern Adriatic Sea throughout 2023–2024
Der aktuelle Meereszustandsbericht des europäischen Erdbeobachtungsdienstes macht deutlich, wie wichtig langfristige und kontinuierliche Ozeanbeobachtung ist. Nur durch verlässliche Messreihen lassen sich kurzfristige Extremereignisse von langfristigen Veränderungen unterscheiden.
Foto: Christian Clauwers
Satellitenbild der nördlichen Adria mit dem Po-Delta Ende Oktober 2024: Nach einer Reihe von Extremereignissen mit Starkregen floss hier mehr als doppelt soviel Süßwasser ins Mittelmeer als üblich, der Salzgehalt an der Oberfläche fiel von etwa 35 auf weniger als 15 Gramm pro Kilogramm. Eine solche Veränderung kann weitreichende Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben.
Foto: Copernicus Sentinel data 2024