Sichten eines Forschungs-Fischereihols an Bord der ALKOR in der Eckernföder Bucht. Foto: Maike Nicolai
Dr. Rainer Froese bei einer Anhörung zur Reform der europäischen Fischerei im polnischen Parlament. Foto: Marta Szczypek
Forscher vergleichen zwei Plattfische während einer fischereibiologischen Ausfahrt mit der ALKOR. Foto: Maike Nicolai
Bergen eines Forschungs-Fischereihols in der Kieler Bucht. Foto: Maike Nicolai

Fischereibiologen zweifeln an UN-Datengrundlage

Forscher vermuten, dass bereits ein Viertel der Bestände zusammengebrochen ist

22.03.2012/Kiel. Eine nicht-repräsentative Datengrundlage und ein gesteigerter Aufwand für gleichbleibende Fänge verschleiern die Tatsache, dass mehr Fischbestände als allgemein angenommen durch Überfischung zusammengebrochen sind. Darauf weisen Forscher des GEOMAR | Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und des Fisheries Centre der University of British Columbia in zwei aktuellen Veröffentlichungen hin. In den Fachmagazinen „Marine Policy“ und „Marine Biology“ zeigen sie formale Schwächen in der Datenermittlung auf, welche die Basis für Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bildet. Nach Ansicht der Wissenschaftler sind nicht drei, sondern 24 Prozent der globalen Fischbestände kollabiert.

Wie viel Fisch steht der Weltbevölkerung jährlich pro Kopf zur Verfügung? Wie entwickelt sich die Fischereiwirtschaft verschiedener Länder? Wie geht es den unterschiedlichen Beständen? Antworten auf Fragen wie diese gibt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO). Seit 1995 veröffentlicht die Institution mit den Reports „State of the Worlds Fisheries and Aquaculture (SOFIA)“ eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der weltweiten Fischereiwirtschaft. Doch an genau dieser Datensammlung üben Forscher des GEOMAR | Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und des Fisheries Centre der University of British Columbia Kritik.

„Im Report SOFIA 2010 bezeichnet die FAO die weltweiten Fänge von etwa 80 Millionen Tonnen als stabil“, fasst Dr. Rainer Froese zusammen. Der Fischereibiologe des GEOMAR ist Hauptautor einer der Studien, die in „Marine Policy“ und „Marine Biology“ erschienen sind. „Die FAO gibt an, dass die Zahl der Fischer schneller wächst als die Weltbevölkerung. Sie konstatiert auch eine Zunahme der Fischereifahrzeuge in Entwicklungsländern, hält die Gesamtzahl der Boote aber für gleichbleibend. Basierend auf einer früheren Studie zeigen wir, dass der Fangaufwand – also die Gesamtheit der Fischer, Boote, Netze, Haken und Einsatztage – beständig zunimmt. Es ist immer mehr Aufwand nötig, um denselben Ertrag zu erzielen. Das bedeutet aber, dass die Fischbestände schrumpfen.“ 

Die Einbeziehung aller weltweit verfügbaren Daten ist nach Ansicht der Forscher unabdingbar für eine verlässliche Einschätzung des Zustands der globalen Fischereien. „Die Statistiken der FAO legen nur Bestände zugrunde, über die es ausführliche Informationen gibt“, erklärt Froese. „Dies sind aber typischerweise Bestände, die hohe Erträge bringen und über lange Zeit hohen Fischereidruck überlebt haben.“ Eine solche Statistik, die vornehmlich auf besonders widerstandsfähigen Beständen beruht, könne nicht als repräsentativ gelten, kritisieren die Fischereibiologen. Froese: „Basierend auf dieser Stichprobe bezeichnet die FAO nur drei Prozent der globalen Bestände als zusammengebrochen. Wenn man stattdessen alle Bestände einbezieht, was unsere Methode erlaubt, dann liegt der Prozentsatz der nach Überfischung zusammengebrochenen Bestände achtmal höher, bei 24 Prozent.“ Die Zahl der sich erholenden Bestände ist dagegen gering: die Forscher und FAO schätzen sie übereinstimmend auf etwa ein Prozent der globalen Fischbestände. 
 
Die Forschung zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Fischbeständen ist eines der Themen im Kieler Exzellenzcluster Ozean der Zukunft. Gemeinsam arbeiten Seerechtler, Fischereibiologen und Volkswirtschaftler hier an nachhaltigen und langfristigen Managementsystemen, die auch die Fischereiwirtschaft mit einbeziehen. 

Originalarbeiten:
Froese, R., D. Zeller, K. Kleisner and D. Pauly. 2012. What catch data can tell us about the status of global fisheries. Marine Biology, doi: 10.1007/s00227-012-1909-6

Pauly, D. and R. Froese. 2012. Comments on FAO's State of Fisheries and Aquaculture, or 'SOFIA 2010'. Marine Policy 36:746-752, doi:10.1016/j.marpol.2011.10.021

Anticamara, J.A., R. Watson, A. Gelchu and D. Pauly. 2011. Global fishing effort (1950-2010): trends, gaps, and implications. Fisheries Research 107:131-136, doi: 10.1016/j.fishres.2010.10.016  

Links:

www.fao.org/docrep/013/i1820e/i1820e.pdf SOFIA 2010

www.seaaroundus.org Sea Around Us

www.ozean-der-zukunft.de Ozean der Zukunft

Ansprechpartner:

Dr. Rainer Froese (GEOMAR, FB3-EV), Tel.: 0431 600-4579, rfroese@geomar.de
Maike Nicolai (GEOMAR, Kommunikation & Medien), Tel.: 0431 600-2807, mnicolai@geomar.de

Sichten eines Forschungs-Fischereihols an Bord der ALKOR in der Eckernföder Bucht. Foto: Maike Nicolai
Dr. Rainer Froese bei einer Anhörung zur Reform der europäischen Fischerei im polnischen Parlament. Foto: Marta Szczypek
Forscher vergleichen zwei Plattfische während einer fischereibiologischen Ausfahrt mit der ALKOR. Foto: Maike Nicolai
Bergen eines Forschungs-Fischereihols in der Kieler Bucht. Foto: Maike Nicolai