Anna Niewerth
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Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert war der Hering aus dem Öresund, der Meerenge in der Ostsee zwischen Dänemark und Schweden, eine der wichtigsten Handelswaren Nordeuropas. Gesalzener Hering aus der sogenannten Skanör-Falsterbo-Fischerei ernährte weite Teile Europas. Um das Jahr 1570 brach diese Fischerei jedoch binnen kurzer Zeit zusammen – mit weitreichenden Folgen für Handel, Politik und Gesellschaft. Es dauerte fast 400 Jahre, bis in den 1950er-Jahren erneut vergleichbare Fangmengen erreicht wurden.
Ein internationales Team aus Fischereiökonom:innen, Ökolog:innen und Historiker:innen unter Leitung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig (iDiv) hat nun untersucht, warum diese über Jahrhunderte stabile Fischerei so plötzlich kollabierte. An der Studie beteiligt war auch Dr. Marco Scotti, Umweltwissenschaftler am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er brachte Expertise in ökosystemischer Modellierung und der Analyse komplexer ökologischer Wechselwirkungen ein.
Die Ergebnisse zeigen: Der Zusammenbruch der Fischerei lässt sich nicht durch einen einfachen Bestandskollaps erklären. Der Heringsbestand schrumpfte im 16. Jahrhundert zwar deutlich, brach aber nicht vollständig zusammen. Erst das Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus Umweltveränderungen, Überfischung und gesellschaftlich-wirtschaftlichen Veränderungen führte zum plötzlichen Ende der auskömmlichen Fischerei. Die Studie ist jetzt in der Fachzeitschrift Nature Sustainability erschienen.
„Erst wenn man Klima, Ökologie und die sozio-ökonomischen Bedingungen gemeinsam betrachtet, ergibt sich ein stimmiges Bild dieses historischen Zusammenbruchs. Keiner der Faktoren allein hätte die Fischerei zu Fall gebracht. Es ist ihr Zusammenspiel, das die Dynamik erklärt“, sagt Erstautor Dr. Rudi Voss, Fischereiökonom beim Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) sowie am Center for Ocean and Society (CeOS) des CAU-Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science (KMS).
Eine außergewöhnliche Zeitserie: 450 Jahre Fischereigeschichte
Die Studie basiert auf einer einzigartigen Datengrundlage: einer 450 Jahre umfassenden Zeitserie der Heringsfänge im Öresund von 1200 bis 1650. Sie wurde aus fragmentarischen historischen Quellen rekonstruiert, darunter Zollbücher, königliche Vorkaufsrechte („kongekøb“) und weitere Archivbestände, die Handelsmengen für einzelne Jahre und Orte dokumentieren.
Datenlücken schlossen die Forschenden mithilfe ökonomischer und ökologischer Indikatoren, etwa der Verfügbarkeit von Salz – dem wichtigsten Produktionsfaktor der damaligen Heringsindustrie – sowie rekonstruierten Klimadaten. Damit steht den Wissenschaftler:innen ein Fischereidatensatz zur Verfügung, der weit über die üblichen modernen Bestandszeitreihen hinausreicht, die meist nur wenige Jahrzehnte umfassen. Er ermöglichte es dem Team, Dynamiken von Klimaveränderungen, wirtschaftlichen Krisen und Übernutzung über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg zu untersuchen und zu analysieren, wie sich diese Faktoren gegenseitig verstärkten.
Zusammenspiel statt Einzelursache
Um die Dynamik der Fischerei zu rekonstruieren, kombinierte das Team zwei methodische Ansätze: eine neu entwickelte bio-ökonomische Bestandsabschätzung (Bio-Economic Stock Assessment-Methode, BESA) sowie eine Loop-Analyse. BESA schätzt aus historischen Fang- und Preisdaten sowohl nachhaltige Fangmengen als auch den Zustand des Heringsbestands über die Zeit. Die Loop-Analyse ist ein Verfahren aus der Ökologie, mit dem sich komplexe Wechselwirkungen zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren in einem gemeinsamen Modell abbilden lassen, ohne dass alle Größen exakt quantifiziert werden müssen.
Im Detail zeigt sich: Überfischung hatte den Bestand bereits geschwächt und die Fangkosten erhöht. Gleichzeitig setzte mit der „Kleinen Eiszeit“ eine Abkühlungsphase im Ostseeraum ein, die sich auf die Produktivität des Bestands auswirkte und diesen zusätzlich schmälerte. Parallel dazu verschlechterten sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wanderdünen zerstörten die Infrastruktur der Fangplätze, ein neu eingeführter Schollenzwang entzog der Fischerei Arbeitskräfte, und preiswerter Hering aus der aufstrebenden Nordsee-Fischerei verdrängte die Ostsee-Ware vom Markt.
Warum das für heutiges Fischereimanagement wichtig ist
Die interdisziplinäre Herangehensweise – die enge Verzahnung von Fischereiökonomie, Klimaforschung, Ökologie und Wirtschaftsgeschichte – liefert nach Ansicht der Autor:innen nicht nur neue historische Erkenntnisse. Sie zeigt auch, wie wichtig systemisches Denken für das heutige Fischereimanagement ist. Wer den Zustand einer Fischerei allein anhand biologischer Bestandsdaten bewertet, übersieht möglicherweise entscheidende Risikofaktoren.
Der Hering in der westlichen Ostsee befindet sich derzeit außerhalb sicherer biologischer Grenzen und am Rande des Kollapses. Für ihn gilt bereits eine Null-Fang-Empfehlung. Auch heute greifen verschiedene Belastungen ineinander: Überfischung, ungünstige Umweltbedingungen, Klimawandel und ökonomische Zwänge. Zwar steht heute ein anderer biologischer Bestand im Fokus, doch gemeinsam ist beiden Fällen, dass neben der Fischerei auch Umweltbedingungen eine Erholung des Heringsbestands erschweren. Statt einer Abkühlung während der „Kleinen Eiszeit“ stellt heute die Erwärmung der Ostsee durch den Klimawandel eine zusätzliche Belastung dar.
Die Studie unterstützt damit den Ansatz eines ökosystembasierten Fischereimanagements (Ecosystem-Based Fisheries Management). Dieser Ansatz berücksichtigt ökologische und sozio-ökonomische Faktoren gemeinsam, darunter Umweltbedingungen, Nahrungsnetze, Infrastruktur, wirtschaftliche Diversifizierung und die soziale Situation von Fischereigemeinden.
„Unsere Studie zeigt, dass ein systemischer Ansatz entscheidend ist, um die langfristige ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Fischerei zu sichern. Statt einzelne Bestände isoliert zu betrachten, brauchen wir gerade angesichts des Klimawandels dringend ein ökosystembasiertes Fischereimanagement“, sagt Marco Scotti und ergänzt: „Wenn wir Belastungen verringern, die wir direkt beeinflussen können – insbesondere die Überfischung – können wir die Widerstandsfähigkeit mariner Populationen stärken. Das ist besonders wichtig, weil viele Umweltveränderungen, etwa die Erwärmung der Meere, auf lokaler Ebene deutlich schwerer zu kontrollieren sind.“
Original-Publikation:
Voss, R., Schmidt, J. O., Lehmann, O., Okamoto, D., Polte, P., Lancker, K., Grunwald, A., & Scotti, M. (2026). An historic fishery collapse driven by socioeconomic and environmental factors. Nature Sustainability.
DOI: 10.1038/s41893-026-01937-1
Impressionen einer sterbenden Fischerei. Derzeit geben viele Fischereibetriebe an der Ostsee auf.
Foto: Dr. Heike Schwermer, CeOS/Uni Kiel
Für den Hering, einst Brotfisch der Küstenfischerei an der Ostsee, gilt heute eine Null-Fang-Empfehlung. Immer öfter bleiben Kutter im Hafen.
Foto: Dr. Heike Schwermer, CeOS/Uni Kiel
Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert war der Hering aus dem Öresund, der Meerenge in der Ostsee zwischen Dänemark und Schweden, eine der wichtigsten Handelswaren Nordeuropas. Welche Faktoren dazu führten, dass diese stabile Fischerei so plötzlich kollabierte, ist Gegenstand einer neuen Studie unter Leitung der Universität Kiel. Die QR-Codes in der Grafik führen zu fiktiven Videobotschaften von historischen Zeitzeugen, umgesetzt von Forschenden.
Grafik: Dr. Rudi Voss, CeOS/Uni Kiel