Anna Niewerth
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Tief unten am Meeresboden liegt eine der größten und zugleich am wenigsten erforschten Lebenswelten unseres Planeten. Dunkelheit, Kälte und hoher Druck prägen die Tiefsee. Und doch ist sie voller Leben: Auf jedem beprobten Stück Tiefseeboden können zahlreiche Organismen vorkommen, darunter viele Arten, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind. Prof. Dr. Angelika Brandt hat wesentlich dazu beigetragen, diese verborgene Vielfalt sichtbar zu machen.
Seit Jahrzehnten erforscht sie die Biodiversität von Tiefsee- und Polarorganismen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen unter anderem Krebstiere wie Meeresasseln, aber auch grundlegende Fragen der Evolutionsbiologie und Biogeographie: Welche Organismen leben in der Tiefsee? Wie sind sie miteinander verwandt? Wie verbreiten sich Arten über große Distanzen? Und welche geologischen Strukturen, Strömungen oder Umweltbedingungen wirken als Barrieren oder Verbindungen zwischen Lebensräumen?
Für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen erhält Angelika Brandt heute den Deutschen Meerespreis 2026. Die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Prof. Dr. Werner Petersen-Stiftung in Kooperation mit dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel verliehen. Zur Festveranstaltung am GEOMAR werden geladene Gäste aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwartet. Schirmherr Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, hält ein Grußwort. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält Prof. Dr. Antje Boetius, Präsidentin des Monterey Bay Aquarium Research Institute, live per Videoübertragung.
GEOMAR-Direktorin Prof. Dr. Katja Matthes sagte: „Mit Angelika Brandt ehren wir heute eine Forscherin, die im wahrsten Sinne des Wortes Licht in die Finsternis gebracht hat. Ihre Entdeckungen der verborgenen Tiefseebiodiversität zeigen uns eindringlich, dass die Erforschung der Tiefsee nicht nur Grundlagenforschung sondern auch Zukunftsvorsorge ist.“
Und Dr. h.c. Klaus Wichmann, Vorsitzender der Prof. Dr. Werner Petersen-Stiftung ergänzte: „Man kann nur schützen, was man kennt. Angelika Brandt hat uns gezeigt, wie viel Leben in der Tiefsee verborgen ist, und damit eine Grundlage dafür geschaffen, den Ozean verantwortungsvoll zu nutzen und zu bewahren. Die Prof. Dr. Werner Petersen-Stiftung freut sich, diese Arbeit mit dem Deutschen Meerespreis zu würdigen.“
Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein und Schirmherr des Deutschen Meerespreises sagte: „Es ist faszinierend, wie viel es in unseren Meeren noch zu entdecken gibt. Angelika Brandt hat über 100 neue Tiefseearten mitentdeckt und eine verborgene Welt für uns erschlossen. Ihre Arbeit hilft uns zu verstehen, wie sich die Ozeane verändern und was das für unsere Lebensgrundlagen bedeutet. Mit dem Deutschen Meerespreis würdigen wir ihren wegweisenden Einsatz für die Meeresforschung. Mit dem GEOMAR steht hinter diesem Preis eine Institution, die selbst weltweit Maßstäbe in der Meeresforschung setzt. Gemeinsam mit der Werner Petersen-Stiftung würdigt sie herausragende Leistungen auf einem Gebiet, das hier in Schleswig-Holstein zu unseren großen wissenschaftlichen Stärken gehört. Diese Stärke wollen wir weiter ausbauen. Denn in den Tiefen der Meere gibt es noch viele Antworten auf Fragen, die uns alle angehen.“
Ein integrativer Ansatz für die Tiefseeforschung
Angelika Brandt war von 2017 bis 2026 Professorin für Marine Zoologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Dort leitete sie von 2017 bis Ende 2025 die Abteilung Marine Zoologie. Zuvor war sie 22 Jahre lang Professorin für Zoologie an der Universität Hamburg, Kuratorin für Crustacea und Polychaeta sowie Leiterin beziehungsweise stellvertretende Leiterin des Zoologischen Museums Hamburg. Von 2022 bis 2025 gehörte sie dem Direktorium der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung an.
Brandt verbindet klassische zoologische Methoden, die auf sorgfältiger Beobachtung und Beschreibung beruhen, mit modernen molekularbiologischen Verfahren. Dieser integrative Ansatz ist für die Tiefseeforschung besonders wichtig: Äußerlich kaum unterscheidbare Tiere können genetisch unterschiedlichen Arten angehören, während unterschiedlich aussehende Organismen manchmal Teil derselben Art sind. Verlässliche Artbestimmung ist deshalb die Grundlage, um Biodiversität, Ausbreitung, Isolation und evolutionäre Prozesse erkennen zu können.
Überraschende Vielfalt im Südpolarmeer
Besonders prägend waren Brandts Arbeiten im Südpolarmeer. Im Rahmen internationaler Expeditionen, darunter den richtungsweisenden ANDEEP-Expeditionen mit dem Forschungsschiff POLARSTERN, erweiterte sie das Wissen über die Vielfalt wirbelloser Organismen in der antarktischen Tiefsee maßgeblich. Die Ergebnisse stellten die Annahme infrage, die Artenvielfalt der Tiefsee nehme zum Südpol hin ab. Ihre Forschung zeigte, dass die Tiefsee weder ein gleichförmiger, überall verbundener Lebensraum ist noch ein Mosaik vollständig isolierter Gebiete. Vielmehr bildet sie ein Netzwerk unterschiedlich stark verbundener Lebensräume, geprägt durch Tiefseegräben, Rücken, Becken, Bruchzonen, Strömungen und die Lebensweise der jeweiligen Arten.
Die Bedeutung dieser Forschung reicht weit über die Beschreibung einzelner Arten hinaus. Wer Veränderungen in einem Ökosystem erkennen und bewerten will, muss zunächst wissen, welche Organismen dort leben, wie sie verbreitet sind und welche Funktionen sie im Ökosystem erfüllen. Dieses Wissen wird angesichts des Klimawandels und zunehmender menschlicher Eingriffe in die Meere immer wichtiger. Veränderungen von Temperatur, Sauerstoffgehalt, Nahrungszufuhr oder Kohlenstoffkreisläufen können Tiefseegemeinschaften ebenso beeinflussen wie wirtschaftliche Nutzungen des Meeresbodens.
Extreme Lebensräume: Expedition zum Aleutengraben
Die von Angelika Brandt geleitete Expedition „AleutBio“ führte 2022 mit dem Forschungsschiff SONNE in bislang kaum erforschte Regionen des Nordostpazifiks wie die Lebensräume des Aleutengrabens. Die Expedition lieferte neue Erkenntnisse über Biodiversität und biogeographische Verbindungen in extremen Tiefseehabitaten. Sie steht beispielhaft für Brandts integrativen Forschungsansatz, der Taxonomie, Molekularbiologie, Ökologie und internationale Zusammenarbeit verbindet.
Angelika Brandt wurde für ihre Forschung vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem International Prize for Biology für Systematik und Taxonomie, dem Carlo Heip Excellence Award in Marine Biodiversity, der SCAR-Medaille für Exzellenz in der Polarforschung und dem Adventurer of the Year Award der National Geographic Society. Eine ihrer Publikationen zur Tiefsee-Biodiversität im Südpolarmeer wurde vom Time Magazine als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahres gewürdigt. Darüber hinaus engagierte und engagiert sie sich in zahlreichen internationalen Programmen der Meeres-, Polar- und Biodiversitätsforschung.
„Ich freue mich außerordentlich über diese Auszeichnung“, sagte Prof. Dr. Angelika Brandt. „Sie würdigt nicht nur meine eigene Arbeit, sondern auch die vieler Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich über Jahrzehnte die faszinierende Vielfalt des Lebens in der Tiefsee erforschen durfte. Die Tiefsee fasziniert mich durch ihre einzigartige Artenvielfalt und die enge Vernetzung des Lebens auf unserem Planeten. Es ist eine große Freude, dass ihre Erforschung und ihre Bedeutung für unsere Zukunft heute im Mittelpunkt stehen. Dieses Wissen ist entscheidend, um die Tiefsee angesichts des Klimawandels und zunehmender menschlicher Eingriffe wirksam zu schützen. Der Deutsche Meerespreis ist für mich daher Ehre und Ansporn zugleich, diese verborgene Lebenswelt weiter zu erforschen und ihre Bedeutung sowie ihren Schutz stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Hintergrund: Deutscher Meerespreis
Der Deutsche Meerespreis würdigt seit 2009 Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für den Schutz und Erhalt des Ozeans einsetzen. Seit 2024 wird er in Kooperation mit der Prof. Dr. Werner Petersen-Stiftung alle zwei Jahre im Wechsel an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Wissenschaftler:innen verliehen.
Preisverleihung am GEOMAR: Meerespreisträgerin Angelika Brandt (3.v.r.) mit den Gratulanten Christian Zöllner, Klaus Wichmann, Katja Matthes, Daniel Günther und Frank Spiekermann (v.l.n.r.).
Foto: Frank Molter
Angelika Brandt war von 2017 bis 2026 Professorin für Marine Zoologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen wird sie heute mit dem Deutschen Meerespreis 2026 ausgezeichnet.
Foto: Thorsten Wenzel, Senckenberg
Der Deutsche Meerespreis wird alle zwei Jahre von der Professor Werner Petersen-Stiftung unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Daniel Günther verliehen.
Visual: Christoph Kersten, GEOMAR