Datenanalyse und Drachenwelten: Amavi Silva im Porträt
Vielfalt sichtbar machen: Menschen am GEOMAR
Amavi Silva wuchs in Sri Lanka auf. Nach der Schule studierte sie Ozeanographie und marine Geologie an der Fakultät für Fischerei- und Meereswissenschaften – einer noch recht neuen Fakultät und in einem für junge Frauen ganz unüblichen Fach. Sie ist viel in der Welt herumgekommen, machte Station unter anderem in Taiwan, Frankreich, Spanien und Belgien. Ihre Masterarbeit schrieb sie im Rahmen eines internationalen Erasmus-Mundus-Programms in Southampton, Großbritannien, wohin sie später für ihre Promotion zurückkehrte.
Als Nachwuchswissenschaftlerin arbeitet sie seit 2025 im Forschungsbereich Marine Biogeochemie am GEOMAR.
Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit liebt Amavi Literatur und Musik. Sie schreibt und übersetzt Fantasy-Romane, spielt Violine und teilt ihre Begeisterung für Wissenschaft, akademisches Leben und den Ozean mit einer großen Community in den sozialen Medien.
Woran forschst du und wie gehst Du vor?
Amavi: Ich habe eine Postdoc-Stelle in organischer Biogeochemie, und meine Expertise liegt im Bereich Gasaustausch. In meiner Promotion habe ich den Austausch von Gasen zwischen Ozean und Atmosphäre im oberen Ozean untersucht – aus einer anorganisch-biogeochemischen Perspektive mit Schwerpunkt auf Sauerstoff, Kohlenstoff und Nährstoffen. Hier am GEOMAR konzentriert sich mein Postdoc auf die Mikro-Oberfläche des Ozeans, also den obersten Millimeter des Wassers. Dort untersuche ich ihre komplexe organische Struktur und welchen Einfluss sie auf den Austausch von Gasen zwischen Ozean und Atmosphäre hat – insbesondere von Kohlendioxid.
Was motiviert Dich?
Amavi: Meine Motivation entspringt den Herausforderungen, denen ich während meines Studiums in Sri Lanka gegenüberstand. Von Anfang an begeisterte mich die chemische Ozeanographie. Doch als ich vor fünfzehn Jahren meinen Bachelorabschluss machte, gab es dieses Fachgebiet in Sri Lanka so gut wie gar nicht. Dennoch entschied ich mich, meine Abschlussarbeit im Bereich der organischen Biogeochemie zu schreiben. Dabei stellte ich fest, dass selbst die grundlegendsten Analysegeräte für die chemische Ozeanographie in meinem Land Luxusgüter waren. Nach einem holprigen Weg – mit kaputten Geräten, deren Reparatur zu teuer war, 76 unanalysierten Proben, gescheiterten Verhandlungen über alternative Tests und einer von Grund auf neu beginnenden Forschung – schloss ich eine Abschlussarbeit über marine Biogeochemie mit der Bestnote ab. Damals wurde mir klar, dass ich für die Forschung geschaffen bin – mit all den Misserfolgen und Erfolgen, die dieser Weg mit sich bringt.
Du bist ziemlich aktiv auf Social Media. Wie hängt das mit Deiner Arbeit zusammen?
Amavi: Ich habe derzeit 18.000 Follower auf Facebook. Mein Ziel war immer, das zu teilen, was ich gesehen und gelernt habe. Das mache ich seit etwa zehn Jahren. Ich zeige der Welt, wie ich sie sehe, mit meinen Worten. Ich schreibe auf Singhalesisch, meiner Muttersprache. Als Content-Creator möchte ich meine lokale Gemeinschaft in einer Sprache ansprechen, die jede und jeder versteht – unabhängig vom Bildungshintergrund. Durch meine Inhalte möchte ich Positivität und Hoffnung vermitteln. Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um dazu beizutragen, dass meine Gemeinschaft ein wenig besser und lebenswerter wird.
Wie bist Du darauf gekommen? Was hat Dich inspiriert?
Amavi: Ich habe meine Erfahrungen immer gerne geteilt. Je mehr ich über den Ozean gelernt habe, desto mehr Spaß hatte ich daran, Ausflüge zu planen und meine Verwandten mit ans Meer zu nehmen, um ihnen Dinge zu zeigen, für die sie bisher keinen Blick hatten. Ich erinnere mich noch, wie beeindruckt meine Eltern waren, als ich eine ganze Reise für uns geplant habe. Ich habe ihnen Mangroven gezeigt und Salzmarschen, habe sie zu Bootsausflügen und zum Schnorcheln mitgenommen – alles, was mit Wasser zu tun hat. So konnte ich zeigen, wie sehr ich sie genieße, diese ganz eigene Welt unter Wasser, zu der einfach nicht jeder Zugang hat! Ich habe festgestellt, dass die Freude und Begeisterung eines Menschen, der etwas Neues und Aufregendes entdeckt, oft auf andere übergreift und sie inspiriert. Genau diese Kette des gemeinsamen Staunens ist es, die mich zum Erstellen von Social-Media-Inhalten inspiriert und motiviert.
Wie war es, als junge Frau an einem ozeanographischen Institut in Sri Lanka zu studieren?
Amavi: Ich habe in Sri Lanka einen vierjährigen Bachelorstudiengang absolviert, mit Schwerpunkt Ozeanographie und mariner Geologie und wurde anschließend als Teaching Assistant an der Universität übernommen. Ich gehörte zur sechsten Kohorte der neuen Fakultät für Ozeanographie, und nur 40 Leute aus dem ganzen Land wurden ausgewählt.
Damals war es sehr ungewöhnlich, dass Frauen eine Karriere in Ozeanographie verfolgten. Meine Verwandten fragten, ob ich die einzige Frau in der Fakultät sei. Sie konnten kaum glauben, dass ein Mädchen etwas wie Ozeanographie machen würde, weil es ein sehr praxisnaher Beruf ist. Vor 15 Jahren gab es für Frauen meist nur Jobs in Schule, Medizin oder Büros – aber sicher nicht in der Feldforschung. Mir war das egal, ich bin keine, die nur in ihrer Komfortzone bleibt. Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, sie haben mich immer unterstützt und mir vertraut, auch wenn sie anfangs eher skeptisch waren.
Du hast nach dem Studium in vielen verschiedenen Ländern gearbeitet. Wo bist Du überall gewesen?
Amavi: Nach dem Abschluss arbeitete ich eineinhalb Jahre an der Universität weiter, dann machte ich ein zweimonatiges Praktikum in Taiwan, bekam ein Erasmus-Mundus-Stipendium und studierte in Frankreich, dann in Spanien und Belgien und schrieb meine Masterarbeit in Southampton, Großbritannien. Nach Erasmus kehrte ich nach Sri Lanka zurück, wusste aber, dass ich promovieren wollte. In Sri Lanka gibt es keine Ozeanographie-PhDs, also bin ich nach Southampton zurückgekehrt, um mit demselben Betreuer weiterzuarbeiten.
Welche Unterschiede in der Forschungskultur hast Du erlebt?
Amavi: Taiwan war ein kleiner Kulturschock. Die Labore sind rund um die Uhr geöffnet, man kann dort essen und schlafen, man macht sein Ding. Ich habe dort tatsächlich im Büro gegessen und geschlafen. Man kann schon sagen, dass es da einen gewissen Druck gibt, die Kultur ist sehr arbeitsorientiert. Aber ich habe dort meine Leistungsfähigkeit entdeckt und gemerkt, dass ich ein richtiger Workaholic sein kann, wenn es sein muss. Diese Einstellung brachte ich mit nach Frankreich, wo die Tage mit geregelten Arbeitszeiten viel entspannter wirkten. In Spanien hatten wir eine Mittagspause, wenn alles schloss – nett, aber nach einer Weile wurde es etwas langweilig, weil ich schon alle Kurse abgeschlossen hatte.
In Southampton habe ich gelernt, Arbeit und Leben zu balancieren. Ich erledigte eine Woche Arbeit in ein paar Tagen – mein Betreuer sagte irgendwann: „Mach Urlaub, geh nach London, und arbeite nicht, bis du zurück bist. Deine Doktorarbeit ist nicht dein Leben, es ist deine Arbeit. Mach deine Stunden, geh nach Hause und genieße dein soziales Leben und deine Hobbys.“ Mental Health wird dort sehr ernst genommen. Ich habe viel von meinen Kolleg:innen gelernt – im Gegensatz zu Sri Lanka, wo man immer perfekte Arbeit abliefern sollte, egal ob man bezahlt wird oder nicht. Diese Einstellung habe ich auch nach Deutschland mitgebracht, und mein Chef unterstützt sie. Hier fühle ich mich viel entspannter, habe neue Hobbys und Zeit für mich.
Ich liebe es, die Welt zu bereisen! Jetzt habe ich andere Verpflichtungen und möchte mich etwas niederlassen, aber zum Glück liebt mein Mann das Reisen auch.
Von welchen Erfahrungen könnten wir hier am GEOMAR etwas lernen?
Amavi: Ich habe gemerkt, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob man alleine oder in einer festen Gruppe arbeitet und forscht! Während meiner Erasmus-Zeit war ich sehr aktiv, weil ich meine Kohorte um mich hatte. Um Menschen kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen, gibt es hier am GEOMAR schon einige Orte der Begegnung, etwa die Bibliothek oder die Teeküchen zwischen den verschiedenen Forschungsbereichen. Solche Begegnungen sind sehr wertvoll. Ich fände es schön, wenn es noch mehr Gelegenheiten gäbe, sich über die Grenzen der eigenen Forschungsgruppe hinaus mit Kolleg:innen aus dem ganzen Institut auszutauschen und miteinander zu vernetzen.
In Southampton gab es einen Aufenthaltsraum für Promovierende, in dem sich Studierende verschiedener Fachrichtungen, Jahrgänge und Förderprogramme regelmäßig bei Kaffee und Keksen trafen. Manchmal haben wir uns einfach unterhalten, manchmal über Herausforderungen in der Forschung gesprochen und manchmal einfach die Gesellschaft der anderen genossen. Solche informellen Begegnungen schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit und helfen, sich weniger allein zu fühlen. Außerdem entstehen dabei oft neue Ideen.
Amavi Silva erforscht als Biogeochemikerin die Mikro-Oberfläche des Ozeans und wie die organische Struktur dieser dünnen Grenzschicht den Austausch von Gasen zwischen Ozean und Atmosphäre beeinflusst.
Foto: Julia Gehringer, GEOMAR