Was fressen die neuen Nachbarn in der Ostsee?
Dr. Paride Balzani erforscht als Humboldt-Fellow am GEOMAR die Ernährung invasiver Flohkrebse in der Ostsee
Invasive Arten in Meeres- und Küstenökosystemen – das ist das Thema der Arbeitsgruppe von PD Dr. Elizabeta Briski am GEOMAR. Ein Thema, das durch den globalen Schiffsverkehr und den Klimawandel zunehmend an Bedeutung gewinnt. Als Humboldt-Fellow ist hier nun für zwei Jahre der Ökologe Dr. Paride Balzani zu Gast. Er bringt seine Expertise in der Analyse von Nahrungsnetzen ein und untersucht, welche ökologische Rolle heimische und invasive Flohkrebse (Amphipoden) in der Ostsee spielen.
Von Florenz über Parma nach Böhmen
Geboren wurde Paride Balzani in Florenz. Nach dem dortigen Studium der Naturwissenschaften promovierte er an der University of Parma in Italien. Es folgten vier Jahre als Postdoc an der University of South Bohemia im tschechischen České Budějovice.
Balzani beschreibt sich selbst als klassischen Ökologen: „Ich beschäftige mich vor allem mit invasiven Arten und mit Nahrungsnetzen“, sagt er. Als Werkzeug nutzt er stabile Isotope, mit deren Hilfe sich trophische Beziehungen und Futterkonkurrenz zwischen Arten rekonstruieren lassen.
Die Nische der Flohkrebse
Im Fokus seiner Kieler Forschung stehen mehrere Arten der Gattung Gammarus, kleine Flohkrebse von einem halben bis einem Zentimeter Länge. Sie haben unterschiedliche Ansprüche an den Salzgehalt ihres Lebensraums und sind nicht nur im Meer zu finden. Ursprünglich stammen die meisten invasiven Flohkrebsarten aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer, eine Art auch aus Nordamerika. Mittlerweile haben sie sich über weite Teile Europas ausgebreitet und leben bevorzugt in Flussmündungsgebieten.
„Was ist die trophische Nische dieser invasiven Gammariden? Es gibt mehrere Arten, die nebeneinander vorkommen – was fressen sie? Verändert sich ihre Ernährung im Lauf der Zeit? Spezialisieren sie sich, oder werden sie generalistischer?“, umreißt Balzani seine zentralen Forschungsfragen.
Raum als Ersatz für Zeit
Um diese Fragen zu beantworten, verfolgt Balzani den sogenannten Space-for-Time-Ansatz: Er beprobt Populationen an unterschiedlichen Orten, die unterschiedlich lange von den invasiven Flohkrebsen besiedelt sind, und nutzt den Raum quasi als Stellvertreter für die Zeit. „Populationen, die schon länger da sind, verhalten sich vermutlich anders als frisch eingewanderte“, erklärt er. Eine Herausforderung dabei: Für viele Standorte ist kaum dokumentiert, wann die Flohkrebse dort tatsächlich zuerst aufgetaucht sind. „Es ist schwierig zu sagen, wann sie zuerst kamen, es gibt nur wenige Daten zu den Erstnachweisen – das ist der schwierigste Teil“, sagt Balzani.
Bislang hat der Invasionsökologe vor allem in Süßgewässern gearbeitet, an Flüssen und Seen. Mit dem Wechsel ans GEOMAR wollte er seine Expertise gezielt in Richtung mariner Ökosysteme erweitern. „Mich interessiert Ökologie unabhängig vom Lebensraum, die Arten sind für mich in erster Linie Modelle“, sagt Balzani.
Für Kiel sprach auch der Ruf des Forschungszentrums: Das GEOMAR sei für diese Art von Forschung sehr angesehen und biete eine hervorragende Ausstattung. Seine Gastgeberin, die Biologin Dr. Elizabeta Briski hatte er schon zuvor kennengelernt, als sie an seiner Universität in Südböhmen zu Gast war und dort Vorträge und Seminare hielt. Die beiden teilen nicht nur ähnliche wissenschaftliche Interessen, ihre Forschung ergänzt sich auch inhaltlich: Balzani bringt seine Expertise in Nahrungsnetzen mit, die Briskis Arbeiten zu biologischen Invasionen in Meeresökosystemen um eine wichtige Perspektive erweitert.
An Kiel hat er im Sommer vor allem die gemäßigteren Temperaturen und die Nähe zur Ostsee genossen, während seine Heimatstadt mit extremer Hitze zu kämpfen hatte – in Florenz gab es allein im Juni und Juli 27 Tage mit Höchsttemperaturen über 36 Grad Celsius.
Als Humboldt-Fellow ist der Ökologe Dr. Paride Balzani zwei Jahre lang zu Gast am GEOMAR: Er bringt seine Expertise in der Analyse von Nahrungsnetzen in die Forschung ein und untersucht, welche ökologische Rolle heimische und invasive Flohkrebse in der Ostsee spielen.
Foto: Ilka Thomsen