Ocean Sciences Meeting 2026 in Glasgow
Physikalische Ozeanographie mit starken Beiträgen vertreten
Beim Ocean Sciences Meeting 2026 in Glasgow präsentierten Forschende der Physikalischen Ozeanographie aktuelle Ergebnisse ihrer Forschung. Ihre Beiträge zeigten die gesamte Bandbreite moderner Ozeanforschung – von großskaliger Zirkulationsdynamik der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC) über kleinräumige Mischprozesse an topographischen Hindernissen wie Inseln oder Seamounts bis hin zu innovativen Messmethoden und Ozeanbeobachtungstechnologien. Mit Vorträgen und Postern zeigten die Wissenschaftler*innen eindrucksvoll, wie eng physikalische Prozesse, Ökosystemdynamik und innovative Messmethoden miteinander verknüpft sind.
Zehn Jahre AMOC-Beobachtung bei 11°S
Im Fokus des Vortrags von Anna Christina Hans stand die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) – eine Schlüsselkomponente des globalen Klimasystems. Präsentiert wurden Ergebnisse einer zehnjährigen Zeitreihe der oberen AMOC-Zweigströmung bei 11°S, basierend auf Daten des TRACOS-Messarrays (Tropical Atlantic Circulation and Overturning at 11°S). Das Messsystem kombiniert bodennahe Drucksensoren (PIES), verankerte Tiefenmessketten sowie Schiffsdaten und wird durch Argo-Floats und Satelliteninformationen ergänzt. Mithilfe eines hochauflösenden Ozeanmodells (VIKING20X) wurde in sogenannten Observing System Simulation Experiments (OSSEs) untersucht, wie sensitiv die Transportberechnungen auf Messanordnung und methodische Annahmen reagieren. Die Ergebnisse zeigen, dass trotz vergleichsweise sparsamer Instrumentierung mehr als 70 % der hochfrequenten und 60 % der niederfrequenten AMOC-Variabilität rekonstruiert werden können. Der saisonale Zyklus dominiert das Signal mit Schwankungen von rund 20 Sverdrup. Gleichzeitig identifizierten Anna Christina Hans und ihre Kolleg*innen Verbesserungsmöglichkeiten im Array-Design, um insbesondere langfristige Trends robuster zu erfassen.
Mikrostrukturmessungen mit Gleitern – Beitrag von Naomi Krauzig
Messungen von Turbulenz und Dissipation stellen weiterhin eine zentrale Beobachtungslücke im globalen Ozeanbeobachtungssystem dar. Zur Förderung der internationalen Zusammenarbeit beteiligt sich Naomi Krauzig an einem Gemeinschaftsprojekt zur Entwicklung operativer Best-Practice-Empfehlungen für ozeanische Mikrostrukturmessungen mit autonomen Plattformen, insbesondere den weit verbreiteten SeaExplorer- und Slocum-Gleitern.
Das Poster konzentrierte sich auf zentrale Aspekte, die die Datenqualität beeinflussen, darunter Plattformkonfiguration, Pilotenstrategien sowie Qualitätssicherungsverfahren in unterschiedlichen Einsatzumgebungen – vom Kontinentalschelf über den offenen Ozean bis hin zu polaren Regionen. Im Rahmen einer internationalen Umfrage werden operative Erfahrungen aus verschiedenen Forschungsgruppen gesammelt, um praxisnahe Empfehlungen zusammenzustellen und die Qualität sowie Vergleichbarkeit von turbulenzbezogenen Beobachtungen mit Gleitern zu verbessern.
UN-Ozeandekade – Early Career Ocean Professionals (ECOP)
Darüber hinaus stellte Naomi Krauzig während einer Town-Hall-Veranstaltung zum ECOP-Programm der UN-Ozeandekade die verschiedenen Möglichkeiten und Vorteile für Early Career Ocean Professionals (ECOPs) innerhalb des Netzwerks vor. Das offiziell unterstützte Netzwerk bietet Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern weltweit Unterstützung durch Angebote zur beruflichen Weiterentwicklung, Vernetzung, erhöhter Sichtbarkeit sowie durch Trainings- und Beteiligungsmöglichkeiten und stärkt damit ihre Rolle und ihr Engagement in der Meeresforschung und in Initiativen der Ozeandekade.
Under-ice Argo Floats im östlichen Rossmeer
In einem weiteren Poster, an dem Naomi Krauzig beteiligt war, wurden die ersten ganzjährigen Beobachtungen von Argo Floats vorgestellt, die im östlichen Rossmeer eingesetzt wurden. Die Daten wurden in einer der am wenigsten beprobten Regionen des Südlichen Ozeans erhoben und liefern die ersten Einblicke in winterliche Intrusionen relativ warmen Circumpolar Deep Water sowie in die Ausbreitung der kältesten Wassermasse der Welt, des sogenannten Ice Shelf Water. Diese Beobachtungen haben wichtige Implikationen für die Bildung dichter Schelfwassermassen und Antarctic Bottom Water, für Ozean-Eis-Wechselwirkungen sowie für die Stabilität des größten antarktischen Schelfeises.
Physik trifft Biologie: Produktivitäts-Hotspot Kapverden - Poster von Florian Schütte
Einen besonderen Schwerpunkt setzte Florian Schütte mit seinem Poster zur erhöhten biologischen Produktivität rund um das Kapverdische Archipel. Basierend auf 20 Jahren interdisziplinärer Forschung zeigten er und sein internationales Team, wie physikalische Prozesse die Grundlage für reiche Nahrungsnetze in einer ansonsten nährstoffarmen Region des tropischen Atlantiks schaffen.
Drei zentrale Mechanismen treiben die Produktivität:
- Atmosphärisch erzeugte Insel-Wakes: Windströmungen über der Topographie der Inseln erzeugen Wirbelfelder, die lokale Durchmischung und Nährstoffzufuhr verstärken.
- Mesoskalige Wirbel aus Westafrika: Nitratreiche Wirbel interagieren mit Inseln und flacher Topographie, verstärken submesoskalige Dynamik und vertikale Durchmischung.
- Gezeiten und interne Wellen: Brechende interne Wellen führen zu bis zu tausendfach erhöhten Vermischungsraten im Vergleich zum offenen Ozean.
Alle Prozesse erhöhen den Nitratfluss in die oberste Wasserschicht (euphotische Zone) und fördern damit die Primärproduktion. Zooplankton und mesopelagische Fische nehmen in Hotspots um das Drei- bis Zehnfache zu. Selbst Fischereierträge (Makrele, Thunfisch) und das Auftreten von Buckelwalen korrelieren positiv mit der Chlorophyll-Konzentration. Die Ergebnisse unterstreichen nachhaltig, wie kleinräumige physikalische Prozesse marine Biodiversität und Nahrungsnetze strukturieren.
Datengetriebene Ozean-Emulation
In einem weiteren Posterbeitrag zeigten Florian Schütte und Kolleg*innen der Ozean Dynamik, wie kilometer-skalige Ozeansimulationen genutzt werden können, um mittels Deep Learning kostengünstige datengetriebene Modelle des dreidimensionalen Ozeanzustands zu entwickeln. Ziel ist es, physikalisch konsistente Ozean-Ensembles mit deutlich reduziertem Rechenaufwand zu erzeugen – ein vielversprechender Ansatz für zukünftige Ozeanvorhersagen.
Fazit
Mit Beiträgen der gesamten Bandbreite moderner Ozeanforschung unterstrichen Wissenschaftler*innen der Physikalischen Ozeanografie die hochqualitative Forschung des GEOMAR. Das Ocean Sciences Meeting 2026 in Glasgow bot eine wichtige Plattform für den internationalen Austausch und unterstrich die zentrale Rolle integrierter Beobachtungssysteme für das Verständnis des Klimasystems und mariner Ökosysteme.