Der pH-Wert des Ozeans im Jahr 2100. Modellberechnungen: MPI-ESM-LR. Daten: Tatiana Ilyina, Max-Planck-Institut für Marine Meteorologie. Design: Félix Pharand-Deschênes, Globaia.

Aragonit-Sättigung des Ozeans 2100. Daten: Tatiana Ilyina, Max-Planck-Institut für Marine Meteorologie. Design: Félix Pharand-Deschênes, Globaia.

14.11.2013

Experten-Urteil: Ozeanversauerung kann in diesem Jahrhundert um bis zu 170 Prozent ansteigen

Erhebliche Schäden durch Verlust von Korallenriffen und Rückgänge in der Schalentier-Fischerei erwartet. Kaltwasserkorallen ebenfalls in Gefahr

14. November 2013/Kiel, Warschau. In einem wegweisenden internationalen Bericht erklären Experten, dass der Säuregehalt der Weltmeere bis zum Ende dieses Jahrhunderts um rund 170 Prozent ansteigen könnte. Sie erwarten erhebliche wirtschaftliche Verluste. Menschen, die von Ökosystemleistungen der Ozeane abhängen – dies betrifft häufig die Entwicklungsländer – sind besonders gefährdet. Der Bericht wird am 18. November 2013 beim COP19-Treffen in Warschau präsentiert.

Eine Gruppe führender Wissenschaftler hat den aktuellen Wissensstand über die Ozeanversauerung gesammelt und die Gewissheit einzelner Aspekte bewertet. Unter Federführung des Internationalen Geosphäre-Biosphäre-Programms (International Geosphere-Biosphere Programme, IGBP) fassen sie die Ergebnisse des weltweit größten Treffens von Experten aus dem Bereich der Versauerungsforschung zusammen. An diesem Dritten Symposium über den Ozean in einer Hoch-CO2-Welt nahmen im September 2012 in Monterey, Kalifornien mehr als 540 Fachleute aus 37 Ländern teil. Ihre Bilanz präsentieren sie Politikern und Entscheidungsträgern am 18. November 2013 bei den 19. UNFCCC-Klimaverhandlungen in Warschau (COP19).

Die Ozeanversauerung wird marine Ökosysteme und die Artenvielfalt im Meer mit hoher Wahrscheinlichkeit verändern, so die Forscher. Die Veränderungen werden weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben. So sind wirtschaftliche Verluste durch Rückgänge in der Produktion von Schalentieren und durch die Zerstörung von tropischen Korallenriffen zu erwarten. Grund hierfür sind die empfindlichen Reaktionen von Weichtieren und Korallen auf die Ozeanversauerung.

Prof. Ulf Riebesell vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel ist einer der führenden Autoren der Zusammenfassung und Vorsitzender des Dritten Symposiums. „Unsere Auswertung vermittelt zweifellos ein klares Bild: Weltweit ist mit erheblichen wirtschaftlichen Verlusten aufgrund der Ozeanversauerung und verringerten Ökosystem-Dienstleistungen der Meere zu rechnen. Aber wir wissen auch, dass wir die Versauerung verlangsamen können, wenn wir die Kohlendioxid-Emissionen eingrenzen. Dies muss die unmissverständliche Botschaft für das COP19-Treffen sein."Falls die Gesellschaft weiterhin am hohen Kohlendioxid-Ausstoß festhalte, könnten Kaltwasserkorallen-Riffe in der Tiefsee verloren gehen, hoben die Experten hervor. Bei tropischen Riffen könnte die Erosion das Wachstum übersteigen. Eine deutliche Reduzierung der Emissionen, etwa mit dem Ziel, die Zwei-Grad-Marke bis 2100 zu erreichen, würde hingegen gewährleisten, dass die Hälfte der Korallen-Habitate auch zukünftig das Wachstum dieser Tiere begünstige. 

Autorin Wendy Broadgate, stellvertretende Direktorin des IGBP, sagte: „Emissionsreduktionen können einige Riffe und Meerestiere schützen. Aber wir wissen, dass der Ozean unter vielen anderen Belastungen wie Erwärmung, Sauerstoffmangel, Verschmutzung und Überfischung leidet. Der steigende Kohlendioxid-Ausstoß lässt auch die Wassertemperaturen steigen und den Sauerstoff schwinden. Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, Emissionen aus fossilen Energieträgern zu minimieren. Andere Stressfaktoren wie Verschmutzung und Überfischung zu verringern und große marine Schutzgebiete einzurichten kann den Ozeanen helfen, der Versauerung besser standzuhalten.“ Die Zusammenfassung für Entscheidungsträger umfasst 21 Aussagen über die Ozeanversauerung mit einer Gewissheit von „sehr hoch“ bis „niedrig“. Dazu gehören:

Sehr große Gewissheit:
Von Menschen verursachte Ozeanversauerung findet derzeit messbar statt.
Die Versauerung der Meere wird durch den Eintrag von Kohlendioxid aus menschlicher Aktivität in die Atmosphäre verursacht.
Je stärker der Ozean versauert, desto weniger zusätzliches Kohlendioxid kann er aufnehmen.
Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren, verlangsamt den Prozess der Versauerung.
Die Auswirkungen historischer Emissionen aus fossilen Brennstoffen auf Ozeanversauerung sind jahrhundertelang zu spüren.

Große Gewissheit:
Wenn Kohlendioxid-Emissionen weiterhin in der derzeitigen Weise fortgesetzt werden, erodieren tropische Korallenriffe schneller als sie nachwachsen können.
Lebensgemeinschaften an Kaltwasserkorallen-Riffen sind in Gefahr und möglicherweise nicht zu erhalten.
Weichtiere wie Muscheln, Austern und Flügelschnecken zählen zu den Organismen-Gruppen, die am empfindlichsten auf Ozeanversauerung reagieren.
Die vielfältigen Reaktionen der unterschiedlichen Arten auf Ozeanversauerung und andere Stressoren führen wahrscheinlich zu Veränderungen in marinen Ökosystemen, aber das Ausmaß der Auswirkungen ist schwer vorherzusagen.
Mehrfach-Stress verschlimmert die Folgen der Ozeanversauerung.

Mittelgroße Gewissheit:
Negative sozioökonomische Auswirkungen auf Korallenriffe sind zu erwarten, aber das Ausmaß der Kosten ist ungewiss.
Rückgänge in der Schalentierfischerei führen zu wirtschaftlichen Verlusten, aber das Ausmaß der Verluste ist ungewiss.
Ozeanversauerung kann einige direkte Auswirkungen auf das Verhalten und die Physiologie von Fischen haben.
Schalen von Flügelschnecken, einem wichtiges Bindeglied in der marinen Nahrungskette, lösen sich bereits auf.

Die Zusammenfassung für Entscheidungsträger wird vom IGBP herausgegeben und bei einer Veranstaltung im Rahmen des UNFCCC-Treffens COP19 am 18. November 2013 in Warschau erstmals präsentiert. Das IGBP ist einer der Sponsoren des Dritten Symposiums über den Ozean in einer Hoch-CO2-Welt. Das Symposium wurde vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Ozeanforschung, dem IGBP und der Zwischenstaatlichen Ozeanografischen Kommission der UNESCO organisiert.

Download der Zusammenfassung für Entscheidungsträger 2013 in englischer Sprache auf der Website des IGBP.

Ansprechpartner:
Maike Nicolai (Kommunikation & Medien), Tel. 0431/600-2807, mnicolai(at)geomar.de